Hart, aber doof!

22. November 2006 at 23:40 (Politik, Videogames)

Tja, da lief gerade eine Sendung im WDR, die sich um das Thema „Vom Ballerspiel zum Amoklauf – was treibt Jugendliche in die Gewalt?“ drehte.

Im Vorfeld wurde diese Sendung bereits krisitiert, denn bei den fünf Gesprächsteilnehmern befand sich NIEMAND, der eine beführwortende Position einnahm. Wo waren die Redakteure von GameStar oder PC Games? Wo waren die Fachleute der Spieler? Nach der Sendung muss ich nun sagen, dass es vermutlich durchaus so gewollt war. Es gab kaum Diskussion, aber viele Videoeinspieler, welche „informierten“. Der Tiefpunkt dieser Videoschnipsel war die Vorstellung von Counterstrike und GTA: San Andreas. Die Zuschauer wurden nicht mit bewegten Bildern der Spiele belästigt, so dass sie sich selbst eine Meinung bilden mussten. Sie bekamen stattdessen eine Zusammenfassung der angeblichen Spielinhalte und der grafischen Gewaltdarstellung vorgelesen, welche geradezu absurd war! Alleine die Präsentationsform. Es soll über „Killerspiele“ berichtet werden und dann werden diese nicht mal gezeigt? Ist das nicht bereits eine Vorverurteilung? Bei Counterstrike war es nicht nur schlicht falsch, sondern bei beiden völlig die Spielinhalte verfälschend. Bei CS sind die Wände nicht mit Blut vollgespritzt und man läuft nicht ballernd mit dem Maschinengewehr durch die Gänge und über die zerfetzten Leichen der Gegner. Und bei GTA zerteile ich keine Personen in kleine Teile mit einer Kettensäge und… ach, neben der falschen Darstellung des Spiels wird auch das gesamte SpielZIEL völlig ignoriert. Dann kamen die Reaktionen darauf… dann merkte man, dass die Schulministerin von NRW sich erst vor der Sendung mal mit dem Thema beschäftigt hat. Und das sie keine Ahnung hat. Prof. Pfeiffer lässt nur seine bekannten Sprüche und Zahlen ab und er erzählt von seinem Sohn in Neuseeland. Dann kommt der nächste Einspieler und es werden nur Politiker genannt, die strengere Gesetze und Verbote fordern, darunter auch die absolut blödsinnige Forderung von Beckstein, Killerspiele wie Kinderpornos zu bestrafen. Anstatt darüber mal zu diskutieren und zu sagen, dass man sowas nicht auf eine Stufe stellen kann, wird ein Videoeinspieler gebracht, der die verfassungswidrigen Forderungen des Uwe Schünemann (Zensur verstaatlichen) als prophetisch (macht das, sonst passiert Erfurt erneut) dargestellt werden. Immerhin ist man sich im Plenum einig, dass man „diese abartigen Spiele nicht braucht“. Applaus des Publikums. Ich beginne Notizen für diesen Artikel zu machen. Zum Glück, denn Pfeiffer bezeichnet die Prüfungskriterien der USK erneut als absurd und krank, weil die Spiele mit USK 16 nicht mehr von der BPJM indiziert werden dürfen… die BPJM muss dem Urteil der USK doch zustimmen… wo ist das Problem?

Was gibt es weiter? Der plusminus-Test wird recyled, in welcher Jugendliche Spiele kaufen, die nicht für sie freigegeben sind… aha! Also könnte man da ja mal ansetzen und vielleicht den Verkauf von solchen Spielen bestrafen, damit die Händler darauf achten. Nur so eine Idee, doch das Plenum hat bessere Ideen. Ganztagsschulen! Ganztagsschulen sind toll! Freizeit, eigener Willen und Medienkonsum sind böse. Hauptschüler haben sogar vier Stunden Medienkonsum pro Tag! Erklärt alles, nee?

Dann kommt die Spielerseite zu Wort! Per Mail wird vorgelesen, stichhaltige Inhalte gebracht, aber es gibt nur Ignoranz von Plenum! Nach 36 Minuten (!) kommt dann mal ein Spieleredakteur von 1LIVE zu Wort. Im Hintergrund läuft GTA und CS. Was ist aus dem Verzicht auf blutige Bilder geworden? Wieso war der Redakteur von 1LIVE nicht Teil der Diskussion? Wieso können die Leute des Plenums seine aufgezeichneten Aussagen zerpflücken oder ignorieren, anstatt das er Gelegenheit hat, sich zu verteidigen? Absicht? Das Plenum stellt wieder fest, dass Killerspiele keine richtige Spiele sind. Es kommt die Forderung auf, dass Eltern mit ihren Kindern Mühle spielen sollten. Wenn Kinder Killerspiele spielen, dann haben die Eltern versagt. So einfach war es. Das Problem ist doch eher, dass die Eltern nicht mit den Kindern spielen. Da ist es doch egal, ob es Mühle oder Counterstrike ist. Sowieso ist es besser durch den Wald zu laufen und zu spielen, so wie die Schulministerin es damals gemacht hat. Dann könnte man das ja mit diesen Spielen verbinden. Will die Schulministerin von NRW LARP und Gotcha? Aber es geht weiter… Pfeiffer berichtet von „kranken Existenzen“, Leuten die 5 Stunden pro Tag World of Warcraft mit anderen Menschen spielen. Joah, gemeinsames Spielen mit anderen, taktisches Vorgehen, Entscheidungsfindungsprozesse und Gruppenstrukturen. Klingt wie der Traum eines Sozialarbeites. So kann WoW auch sein. Aber die positiven Seiten erwähnen wir mal lieber nicht, sonst bricht uns die argumentative Grundlage weg. Achja… und Männer lieben Gewalt und brauchen sie. Frauen haben Angst vor Gewalt und fliehen davor. Egal ob reale, gespielte oder simulierte. Deswegen fordert das Plenum auch Schulen, in denen die Jungs ihre Agressionen abbauen können, anstatt dies in Killerspielen zu tun. Sehe ich das richtig? Man soll sich lieber bei Rugby anderern die Knochen brechen, als bei CS einem virtuellen Terroristen einen Kopfschuss zu verpassen. Mhm… wirklich ein Generationenkonflikt. Ich verstehe sie nicht, sie uns nicht.

Nach einer 3/4-Stunde kommen dann Kommentare aus dem Internet zur laufenden Sendung. Ein 50jähriger findet die Spiele abartig. Eine 38jährige Frau hatte damals nicht so viele Medien zur Verfügung, dafür aber Freunde… und war trotzdem glücklich. Ein 23jähriger gibt an, dass er seit den Zeiten des C64ers Gewaltspiele spielt und heute Pazifist und Vegetarier sei und fragt, wie er nun ins Schema passt. Dann kommen noch allgemeine Kommentare über die mangelnde Beziehung zwischen Eltern und Kindern, sowie das Verdammen der Hexenjagd nach Computerspielen und schlußendlich die Frage, wieso über Computerspiele diskutiert wird und nicht, wieso ein 18jähriger im Besitz von Schußwaffen war. Interessante Punkte eigentlich, aber bevor wir anfangen zu diskutieren, lieber noch mal ein kleines Filmchen. Ein Bericht über Erfurt, vier Jahre nach dem Amoklauf von Robert Steinhäuser. Was will mir der Bericht sagen, außer betroffen machen und im Kontext der angeblichen Diskussion gegen diese Spiele aufhetzen?

Dann wird ein junger, türkstämmiger Mann im Anzug „präsentiert“. Er wurde durch das Anti-Agressionstraining des Dr. Heilemann aus dem Plenum zu einen richtigen Menschen gemacht, produktiv in die Gesellschaft integriert. Damals war er sehr gewaltbereit, hat aber nach eigener Aussage nie am PC oder an der Konsole gezockt, was Herrn Pfeiffer einen undefinierbaren Laut aus dem Off entlockt. Dafür darf er danach dieses Friedenstraining als nicht funktionierend erklären, was er natürlich bereits vor Jahren an seinem Institut wissenschaftlich bewiesen hat.

Nächstes Thema, hier wird nichts zu Ende diskutiert. Der Amokläufer hat Hilfesignale ausgesendet und keiner hat darauf reagiert. Zitate von ihm aus dem Internet werden vorgelesen und zeichnen das Bild eines sehr einsamen und frustrierten Menschen. Was ist die logische Frage? Ist das Internet an sich eine Gefahr? Pfeiffer: Ja, klar! Ich musste so lachen, weil die „Diskussion“ zu diesem Zeitpunkt so realitätsfern und unlogisch war. Herr Pfeiffer ist sich sicher, dass er Hilfe gefunden hätte, hätte er sich nur an einen echten Menschen gewand, anstatt an die virtuellen im Internet. Ne, ist klar. Echte Menschen sind alle nett und hilfsbereit und Menschen im Internet sind alle Asoziale? Aber es gibt eine Lösung für alle Probleme: Ganztagsschulen! Schon wieder… immerhin erfahren wir, dass der anwesende Lehrer heimlich an dem PC seines Sohnes rumgeschnüffelt hat um dort die Inhalte zu kontrollieren. Er hat angeblich nichts gefunden, was ihm nicht gefallen hätte, doch wenn, dann hätte er das sofort gelöscht. Moment… ist das nicht einer der Typen die eben noch die Kommunikation zwischen… ach, egal. Man hat sich schon lange von allem was logisch erscheint verabschiedet. Der… extrem seltsame Dr. Heilmann redet immer wieder laut, schnell und lang daüber, dass Kinder alle phsyisch stark sein müssen, um starke, extrovertierte Persönlichkeiten zu werden. Und sie müssen sanft sein. Die Schulministerin von NRW (CDU übrigens) wirkt die ganze Zeit so, als wäre sie mit allen Themen überfordert. Pfeiffer rasselt Studien von sich selbst runter oder erzählt vom Wunderland Neuseeland, wo sein Sohn hin geflohen ist, hingeschickt wurde, momentan weilt. Josef Bausch-Bölterhoff, Gefängnisarzt und Tatort-Darsteller wirkt ebenso deplatziert wie während der gesamten Diskussion und der Moderator unterbricht jede aufkeimende Diskussion, damit er einen weiteren Videobeitrag starten kann.

Der Abschluss war aber auch herrlich. Die Abschlussfrage war: „Würden Sie einen internetfreien Tag begrüßen?“ Von themenverbundenen Fragen habe ich mich eh schon verabschiedet und warte auf die Antworten. Der Lehrer findet das gut, er würde im Garten arbeiten. Der irre Heilmann benutzt das Netz nicht, was man eh nicht sollte und treibt Sport. Pfeiffer sagt einfach ja, Jo Bausch würde das mit einem Rauchfreien Tag verknüpfen und hat da nix gegen und unsere Schulministerin würde Freunden schreiben, weil sie noch schreiben kann. Ein erschreckender Rundumschlag durch eine Generation von Leuten, welche die Möglichkeiten des Internets weder kennen noch nutzen. Wie soll man mit denen eine Diskussion über Jugendkultur führen? Dort war niemand unter 40, der Altersdurchschnitt lag vermutlich um die 50. Entschuldigung, aber das ist einfach nur arm, solch eine Gruppe zusammenzustellen und dann über Jugendkultur zu reden. Besonders in einer Sendung, die sich Hart aber fair! nennt.

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8 Kommentare

  1. nambulous said,

    Haha, danke für den Eintrag, gut das ich es nicht selbst gesehen habe, wäre bestimmt aus der Haut gefahren. 😉

    Das so Leute um die 60 über diese Sachen urteilen, die es selbst nie in ihrem Leben gesehen haben (also nicht mal den geringsten Plan haben), ist aber normal – leider. Besonders im TV ist da scheinbar nichts anderes zu erwarten. Mir fallen viele dieser Sendungen ein, daher schaue ich so etwas prinzipiell nicht mehr an.

    Besonders ärgerlich daran ist wohl, dass es mit zur Folge hat, dass sich zahlreiche Mythen durch Sendungen wie diese hartnäckig halten und schlicht nicht sterben wollen. Ein weiterer Beweis das im Volk echt sehr wenig gedacht wird, sonst würde Leuten sicherlich auch von alleine auffallen das es Gewalt schon immer gab und wohl kaum auf einzelne (neue) Medien zurückzuführen ist (zumal im Laufe der Zeit immer jedes neue Medium entsprechend mit den gleichen Argumenten beschuldigt wurde, der gleiche Kram wurde schon über das Radio gesagt, dann TV/Filme, dann Video/Kino, dann Computer, dann Internet… Hallo???). Mitmenschen die damit nichts am Hut haben (und sonstige Merkbefreite) glauben eben gern solchen Leuten, da die offenbar irgendwie eine vertrauenswürdige Aura um sich haben der viele (zu viele) auf den Leim gehen bzw. von der man sich blenden lässt. Mit ein Grund ist vielleicht auch, dass es sicherlich leichter ist, einer bestimmten, einzelnen Sache alle Schuld anzulasten, anstatt sich der Wahrheit zuzuwenden, wo es viele Ursachen zu finden gibt (zu kompliziert, lässt sich schlechter verkaufen).

    Traurig auch das sich diese Leute nicht mehr daran erinnern können das sie in dem Alter selbst auch nicht viel anders waren. Gedächtnisverlust? Verklärter Blick auf die eigene Jugend? Aber ich will jetzt auch nicht zu sehr auf Leuten rumhacken die über Sachen reden von denen sie nichts verstehen. Das könnte jede Einzel-Person leicht überfordern.

    Mir ist auch schon eine andere Sendung im WDR aufgefallen, die ebenfalls sehr parteiisch war (wo sogar der Moderator gegen den einzigen Gast der eine andere Meinung vertrat redete) und gar nicht vorhatte alle Seiten des Themas zu beleuchten. Ich will nun sicher nicht soweit gehen aus nur 2 Sendungen ein Muster abzuleiten, jedoch fällt mir das in dem Zusammenhang jetzt recht deutlich wieder ein.

    In Sachen Verhältnis der Politiker zum Internet braucht man sich doch auch bloß manche ihrer Mail Adressen anzugucken, Zeugs wie „internetpost“ oder so findet sich da…

    Mein Fazit: Leidiges Thema, das wie fast alle dieser Meinungsbildungen darauf beruht, dass viele Leute lieber pauschalisieren oder vereinfachen anstatt sich die viel zu komplexe, nicht schwarz-weisse Realität zu Gemüte zu führen. Dann wacht man nämlich vielleicht auf und erkennt das es viel einfacher gewesen wäre nur paar Spiele zu verteufeln/zu verbieten als jetzt den wahren Zustand unserer Gesellschaft zu erkennen und zu versuchen daran jetzt etwas zu ändern/zu verbessern.

  2. Thomas Michalski said,

    @ nambulous:
    Du musst nicht erst mit dem Radio anfangen. Schon lange, lange vorher, als die ersten Romane (!) erschienen, wähnten Kritiker dort Realitätsflucht, Verdummung, Verzerrung der Persönlichkeit des Lesers, den Aufbau von Scheinwelten, Isolation etc.

    Same old, same old…

    Grüße,
    Thomas

  3. Greifenklaue said,

    Hart, aber fair ist normalerweise Hart, aber fair. Schade, wenn es hier nicht so war. Vielleicht zeigt das aber auch, wie weit die Generation, die dort zu Wort kommt, von der unseren entfernt ist…

  4. Scorpio said,

    Wer dem Link oben im Blog folgt, der findet auf der Homepage der Sendung eine Entschuldigung des Moderators für diese besagte Ausgabe.

    „Liebe User!
    Ich habe wie immer besonders aufmerksam unser Gästebuch gelesen. Nicht zu übersehen, dass viele User unsere Sendung als unfair empfunden haben, weil kein Spieler am Panel vertreten war. Sie haben Recht: Das war ein Fehler. Auch ein noch so guter Tom Westerholt im Film konnte dieses Manko nicht wett machen. Sorry, wir haben verstanden.
    Ihr Frank Plasberg“

    Finde ich gut! Nicht nur weil er kritisch mit seinem eigenen Format umgeht und Fehler einräumt, sondern weil ich mich dadurch auch im Recht fühle. 😉

  5. Thomas Michalski said,

    Wow, das nötigt Respekt ab. Hätte ich nicht gedacht, sowas noch mal erleben zu dürfen … nur ob das Schule macht, werden wir mal sehen müssen.
    Dennoch, sehr löblich…

    By the way – gute Artikel zu Thema, die hier. Wollte ich doch letztes Mal schon geschrieben haben…

    Grüße,
    Thomas

  6. Froststaub said,

  7. robin said,

    „Damals, im Krieg, da hatten wir sowas nicht!“

    Ob unsere Generation, wenn sie mal alt, klapprig und mit 100 berentet ist, auch so miese Urteile abgibt? Wäre interessant zu diskutieren. 😉

  8. Macromafia Blog said,

    Crytek – Portrait deutscher Spieledesigner

    Deutschland hat in vielen Bereichen des technologischen Fortschrittes bereits den Zug verpasst. Auch im Bereich der Entertainment Software hinkt Deutschland dem Rest der Welt hinterher. In Japan und den USA konzentrieren sich die Innovationen im Bereic…

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