Die (Ohn-)Macht des Geldes

16. August 2008 at 09:04 (Rollenspiel) (, , , , , , , )

Ich habe letztlich wieder über Shadowrun nachgedacht und dabei sind mir mehrere Dinge aufgefallen. Zum einen, das für das Regelsystem viele Kritikpunkte ebenso gelten, wie ich sie gegenüber Exalted geäußert habe (massiv viele Würfel, lange Proben, fragwürdiges Balancing, Regelflut), mir das Spiel dennoch einen Heidenspaß macht. Zum anderen, wieso zur Hölle Shadowrun es bis in die vierte Edition nicht geschafft hat, eine Regelung zur Bezahlung der Shadowrunner zu enthalten. Und diesen Gedankengang habe ich mal weiterverfolgt und erkannt, dass mir nur D&D bekannt ist, welches den Reichtum der Charaktere neben ihren Erfahrungspunkten erfasst, reglementiert und ins Spiel einbindet. Nehmen wir Shadowrun mal als repräsentatives Beispiel für eine ganze Reihe an Rollenspielen.

Erfahrung als Ressource

Shadowrun hat, wie so ziemlich jedes andere Rollenspiel, klare Vorgaben für die Verteilung der Ressource „Erfahrungspunkte“, bei Shadowrun „Karma“ genannt. Erfahrungspunkte setzt man ein, um damit die Werte des eigenen Charakters zu steigern. Das leuchtet allen ein, denke ich. Man hat in dem Shadowrun etwas gerlernt, war effektiv und erfolgreich, hier ist eure Belohnung. Einen fürs Kommen, einen für das Lösen dieses Problems, einen für das Lösen des anderen Problems und einen, weil der Run insgesamt sauber über die Bühne ging. Aber Moment, das ist ja schon meine Interpretation, denn wenn man sich mal z.B. die Kampagne in der SOX anschaut, dann werden 2/3 der Karmapunkte nach Spielleiterwillkür für „Humor“, „Coole Sprüche“ und das ominöse „gute Rollenspiel“ vergeben. Aber das kann man ja relativ leicht in ein System übergeben, dass ich mal als „erfolgsorientiert“ bezeichnen möchte. Gerade bei SR bietet es sich an Punkte aufzunehmen wie „Wurde während des Runs niemand getötet? – 1 Karma“, „Konnte man die KI überzeugen, sich selbst abzuschalten? – 4 Karma“ oder „Wurden die Wachen überwunden? – 1 Karma“. Das ganze lässt sich relativ leicht umsetzen, wenn man es denn mag, aber mein eigentliches Problem wiegt da schon schwerer…

Geld als Ressource

Wieso zur Hölle ist die Bezahlung überhaupt nicht geklärt? Seien es nun offzielle Abenteuer, inoffizielle oder verschiedene SLs in der heimatlichen Runde… jeder vergibt so viel Geld, wie er es für richtig hält. Von 2000 Nuyen bis 100.000 Nuyen ist mir schon unabhängig von der Schwierigkeit des Runs so ziemlich alles begegnet.  Und das kann es ja wohl nicht sein. Schließlich ist die Ressource „Geld“ bei Shadowrun ebenso wichtig für die Verbesserung des Charakters, wie die Ressource „Erfahrung“. Mein Straßensamurai benötigt Cyber- und Bioware, um in kritischen Situationen in seinem Fachgebiet (Kampf) glänzen zu können. Natürlich kann ich das durch meinen natürlichen Feuerwaffenpool von neun darstellen. Aber durch Cyberware habe ich alleine aktuell satte sieben Würfel mehr. Und das sind nur die Verbesserungen der Fertigkeiten. Sollte ich die bei Shadowrun 4 so wichtigen Initiativedurchgänge steigern wollen, so bin ich auf die Cyber- und Bioware zwingend angewiesen. Merke: der Magier und Adept kann fast alleine mit Karma besser werden, der Straßensamurai benötigt jedoch beides (naja, vor allem Geld). Wenn der SL nun Geld in sehr geringem Ausmaß ausschüttet, kommt es zu einer Verschiebung innerhalb der Gruppe zwischen mundanen und magischen Charakteren. Durchschnittlich erhalten wir aktuell für einen Run 2500 bis 5000 Nuyen. Um einen Vergleich zu setzen… ein Monat Mittelschicht kostet 5000 Nuyen. Es fällt auf, dass man in unserer Runde etwa zwei mal pro Monat seinen Arsch als Vollprofi (nichts anderes ist man bei der regulären 400 Punkte-Charaktererschaffung) in einer illegalen Aktion (die auch mal einige Tage dauern kann) riskieren muss, damit man sich einen Kleinwagen und ein Appartment leisten kann. Es leuchtet mir nicht ein, wieso man bei solchen Vorraussetzungen nicht besser in einem Büro Akten schiebt… oder besser noch: Autos klaut. Wenn unsere Runde in der Spielzeit, die wir normalerweise für Shadowruns aufwenden, stattdessen zwei bis drei stinknormale Mittelschicht-Familienkarren pro InGame-Tag stehlen würde, dann wäre nicht nur a) das Risiko bedeutend geringer, sondern auch b) der Profit um ein vielfaches höher. Ich will ja nicht einmal unserem SL da groß einen Vorwurf deswegen machen, da er sich ja an den einzigen, bisher veröffentlichten vorgeschlagenen Minimallöhnen für Jobs bezieht. Nur haben sich die Autoren der offiziellen Abenteuer selbst nie daran gehalten und sind diese Bezahlung so erbärmlich niedrig, dass man pro Monat fünf Leute ermorden müsste, um sich sein bescheidenes Mittelschicht-Leben zu finanzieren.

Und der Rest?

Bei anderen Spielen sieht es nicht besser aus. Sobald man ein System nutzen kann, um sich oder seine Situation durch Geld oder andere Reichtümer zu verbessern, sollte es eigentlich ebenso reglementiert sein wie die Erfahrungspunkte. Sind sie aber nicht. Bei Warhammer Fantasy kann man mit einem hervorragenden Schwert und einer Plattenrüstung selbst ein mäßiger Kämpfer sein, die Ausrüstung verschafft einem so großen Vorsprung, dass das die Kompetenz bis zu einem gewissen Grad ausgleicht. Dabei finde ich nicht einmal die Diskrepanz, die durch die Ausrüstung hinzukommt so schlimm, sondern eher, das absolut nicht geklärt ist, wann solche Ausrüstung in die Hände der SCs gelangen soll oder kann. Bei Dark Heresy, der Warhammer 40.000-Variante von Warhammer Fantasy, ist das ganze noch extremer, da die Steigerungen der Attribute extrem teuer sind und Ausrüstung noch sehr viel mächtiger als in der Fantasy-Variante. Meine Gruppe ist von ihren Werten in den letzten Monaten (und 2500 XP) nicht sonderlich besser geworden, hat jedoch durch Ausrüstung massiv in ihrer Kompetenz zugelegt. Alleine, dass die wenigsten Klassen mit Rüstung starten, die Spieler inzwischen aber allesamt drei bis fünf Punkte Schaden der meisten Angriffe ignorieren können und nun vollautomatische Waffen, Flammenwerfer und Granaten haben, verschiebt das Mächtegleichgewicht sehr stark. Das wird dadurch noch erschwert, dass Dark Heresy zwar tatsächlich ein System zur Vermögensverteilung hat, das aber weder innerhalb der Spielwelt erklärbar ist, noch in irgendeinerweise das System sinnvoll oder fair unterstützt. Nach System erhält jede Klasse ein bestimmtes Gehalt. Wann ist aber nicht geklärt. Und die Unterschiede in der Bezahlung sind enorm, von mehreren hundert Goldthronen (der Währung des Spiels) für einen Priester, bis zu einer Handvoll Münzen für den Unterweltabschaum. Das mag ja durchaus sinnig sein, solange die einzelnen Leute in ihrem Beruf tätig sind, doch sind sie nun alle Angestellte der Inquisition (was eh wieder ein Problem ist, aber das führt nun zu weit…). Und einem Spieler nach der Vernichtung des „Kultes der Woche“ zu sagen, dass er dafür 700 Goldtrone erhält, der andere aber nur 30… aus keinem Grund… das geht einfach nicht. Mal abgesehen davon, dass die Inquisition offensichtlich ihren Leuten kein Material zur Verfügung stellt, sondern erwartet, dass man sich von seinem Gehalt die Munition für den Einsatz kauft…

Arcane Codex? Keine Richtlinien fürs Geld. Exalted? Nope, das Ressourcen-Punkte-System erlaubt so etwas nicht. World of Darkness? Tatsächlich nicht wirklich notwenig, weil man mit Geld in diesem System weniger effektiv arbeiten kann als beim Rest.

Die fehlende Verteilung von Geld führt dann zu interessanten Situation auf Cons, wenn plötzlich in der Warhammer-Runde ein 3000 XP Charakter Trinkgelder gibt, für die der 10.000 XP Charakter vor kurzem noch Leuten die Kehle durchgeschnitten hat.

Lösung?

Ein kleinerer Punkt wäre ja schon mal, wenn Magier und ähnliche Gestalten ihre Foki und Geister nicht mehr mit Karma, sondern mit Geld löhnen könnten, wie eben die mundanen Charaktere ihre Verbesserungen bezahlen. Tja, bei Shadowrun muss auf jeden Fall ein System her, welches die Vergabe von Geld an die Gefährlichkeit des Runs angleicht. Wir benutzen aktuell das Table-Rating aus „Prime Runners“, welches bei einem bestimmten Karmapunktedurchschnitt der Spielgruppe die Grundbezahlung multipliziert. Das löst aber nicht das grundlegende Problem. Hat jemand so ein System? Oder hat sich schon einmal jemand Gedanken dazu gemacht? „Es gibt X Nuyen für den Auftrag!“ würde den Spielern ja schon mal klar zeigen, welche Gefahren sie zu meistern haben. Das gefällt nicht allen, z.B. denen, die sich gerne überraschen lassen. Dann weniger Geld und mehr Möglichkeiten während des Runs noch Kram und Daten zu klauen, die mann dann gewinnbringend verscherbeln kann? Eure verschiedenen Ansätze zum Thema würden mich wirklich mal interessieren.

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3 Kommentare

  1. flippah said,

    Das ist wirklich ein interessantes Problem. Ich werd gleich mal nachher meine SR4-Gruppe dazu befragen. Vielleicht haben die ja ne Idee

  2. Roland said,

    Wir haben in unsere langen SR Kampagne einen Tauschfaktor Karma – Geld eingeführt, für einen bestimmtem Betrag konnte man 1 Punkt Karma kaufen/ersetzen, und wer tatsächlich wollte, bekam für Karma Geld.

  3. Ava-chan said,

    Hmmmm … nicht so einfach.

    Wir haben zur Zeit das selbe Problem in unserer Gruppe. Es allerdings noch nicht wirklich gelöst. Da wir durchgehend auch mit verschiedenen Meistern spielen und jeder von diesen eine andere Vorstellung von bezahlung zu Karma relationen. Ich selbst vergebe es stark nach gefühl wobei ich von beidem eher sehr wenig vergebe. Pro Abenteuer vergebe ich ca. 3 – 4 Karma wobei ich es subjektiv an das spielverhalten anlehne. So wie ca. 10k NuYen. Wenn es weniger bezahlung gibt so gibt es mehr mitzunehmen, wobei ich das looten von Gegnern versuche zu unterbinden. Denn es gibt nichts schlimmeres als eine Gruppe von Runnern die jede Leiche noch 2 mal durchsucht. IMO

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