Das blutige Karussell dreht sich wieder

12. März 2009 at 22:49 (Politik, Videogames) (, , , , , , , , , , , , , , , , )

Und wieder ist es geschehen. Ein sozial isolierter, junger Mann mit Zugriff auf Waffen will mit der Gesellschaft abrechnen und tötet Menschen, sei es nun wahllos oder gezielt. Und sieben Jahre nach Erfurt und zweieinhalb Jahre nach Emsdetten beginnt wieder das gleiche, das exakt gleiche, Karussell sich zu drehen. Ein Karussell aus Monokausalitäten, Verbotsforderungen, reißerischer Berichterstattung und bisweilen extrem schlechter Recherche.

Was ist geschehen? Um halb zehn morgens am gestrigen Tage (12.03.09) betrat der 17-jährige Tim K. seine ehemalige Realschule in Winnenden bei Stuttgart. Er war bewaffnet mit einer Pistole und mehr als 200 Schuß Munition, die er seinem Vater entwendet hatte, der mehr als ein Dutzend Waffen zu Hause aufbewahrte. Er tötete acht Schülerinnen, einen Schüler und drei Lehrerinnen, wonach er ein Auto entführte und den Fahrer laufen ließ. Auf der Flucht tötete er drei weitere Personen, bevor er sich nach einem Schusswechsel mit der Polizei selbst tötete.

Auffällig ist die hohe Zahl an weiblichen Opfern sowie die hohe Präzision, mit welcher der Täter schoss. Viele der Opfer starben durch Kopdschüsse, was auf eine hohe Kompetenz von Tim K. Im Umgang mit der Schusswaffe hindeutet.

Ein Motiv des, offenbar wegen Depressionen in Behandlung befindlichen, Täters ist aktuell noch unklar, weswegen wir zum eigentlichen Grund für meinen Eintrag kommen: dem blutigen Medienkarussell.

Wieder einmal gilt mein Dank der Spielkultur-Liste, die sachlich und fundiert über das Thema diskutiert.

Sind Amokläufer Helden?

Die Medien geben sich große Mühe, vor allem über die Täter zu sprechen und jedes Fitzelchen an Information aus ihrem Leben zusammenzutragen. Interessanterweise hat sich dadurch ein regelrechter Kult um Amokläufer gebildet, begonnen mit den beiden Maßenmördern aus Littleton, die am 20.04.1999 in ihrer High School ein Blutbad anrichteten. Der Amokläufer von Blacksburg wie auch der von Emsdetten hatten vor ihren Taten in Abschiedsvideos explizit auf die beiden Amokläufer von der Columbine Hight School verwiesen. Seung-Hui Cho, der Attentäter von Blacksburg, bezeichnete die beiden als Märtyrer, Sebastian Bosse, der Attentäter von Emsdetten, gab an, dass das Attentat an der Columbine High School in Littleton sein Leben nicht nur verändert habe, sondern dieses Ereignis zu seinem Leben geworden wäre. Auch der Amoklauf in Alabama, der in der Nacht zum Tattag stattfand, könnte sich verstärkend auf den Entschluss von Tim K. ausgewirkt haben.

Diese Berichterstattung verwundert, da es etwa zur Berichterstattung von Selbstmorden beispielsweise im deutschen Pressekodex Richtlinien (siehe Ziffer 8, Richtlinie 8.5) gibt, um Nachahmungstaten zu vermeiden, da die Zahl der Nachahmungstäter mit der Intensität der Berichterstattung steigt. Je bekannter der Selbstmörder war, desto mehr Individuen versuchten sich ebenfalls an einem Selbstmord, wobei reale Selbstmorde mehr Nachahmer finden, als Selbstmorde von fiktiven Charakteren etwa aus einer Fernsehserie. Wichtig ist ebenfalls, dass sich der Nachahmer mit dem Selbstmörder identifizieren kann, wie etwa durch Alter, Geschlecht oder Werdegang, wobei sich jüngere Individuen eher zur Nachahmung eignen, als ältere. Dieser sogenannte „Werther-Effekt“ ist nicht unumstritten, da die Wirkung der medialen Selbstmordes nur bei sehr wenigen Personen und nur unter bestimmten Bedingungen zum Tragen kommt.

Das scheint mir sehr analog zum Amoklauf, bzw. deren medialer Wirkung. Hier sollte man gegebenenfalls nachbessern. Allerdings bringt das nur etwas, wenn alle mitmachen.

Schauen wir uns einmal die Berichterstattung zum Fall an.

BILD eben

Heute zeigte die BILD auf der Titelseite ein unverpixeltes und großes Foto des Täters unter der Überschrift „Der Tag des Blutbades“. Nachdem erste Versuche des investigativen Journalismus gescheitert sind (übrigens auch bei Kollegen), hat die BILD es dann doch noch geschafft, möglichst große, martialische und blutige Bilder aufzutreiben.Wobei es neben BILD auch Spiegel Online, Bildblog, und diverse andere auch hier verlinkte Nachrichtenvermittler es nicht geschafft haben, die Bilder von Tim K. zu anonymisieren. Bild legt aber noch einen drauf und präsentiert neben dem vollen Namen des Täters die letzten Minuten seines Lebens als Video (erstmals exklusiv auf RTL!). Tja, was habe ich damals über die zynische Beschreibung von Live-Selbstmorden in Cybperunk-Romanen gelächelt… Cyberpunk ist eben von der Realität fast komplett eingeholt worden. Die Reality-Show mit Gewalt! Ich könnte kotzen

Aber es wäre kein Amoklauf in Deutschland, wenn es nicht viele Leute geben würde, die bereits Ursachen gefunden haben wollen, während die Polizei noch nicht einmal begonnen hat zu ermitteln. Getroffen hat es vor allem wieder die „Killerspiele“. Dabei dauerte es nicht einmal bis zum Tod des Amokläufers, bis das Schlagwort bzw. „Ballerspiele“ das erste mal fiel. So die Süddeutsche Zeitung:

Kultusminister Helmut Rau (CDU) sagte unter Berufung auf die Schulleiterin, bei dem Amokläufer habe es sich um einen völlig unauffälligen Schüler gehandelt. Er habe seinen Schulabschluss gemacht und dann eine Ausbildung angefangen. „Er ist nie auffällig gewesen“, sagte Rau. Eine ehemalige Mitschülerin von Tim K., sagt hingegen unter Tränen: „Tim war schon immer sehr verschlossen. An den ist niemand rangekommen. Er hat immer nur so Ballerspiele gespielt.“

Und das war so etwas wie die Initialzündung, der bald andere Medien folgten. Hatte es noch mit der mantrartigen Beschreibung des „schwarzgekleideten Täters“ angefangen, steigerte sich die Berichterstattung. Ist auch ein bequemer Weg, denn Waffenmissbrauch wäre ein gesellschaftliches Problem in einem Land, in dem Schützenvereine eine lange Tradition haben. Videospiele hingegen sind ja für viele  nach wie vor Zeitverschwendung und ein rotes Tuch, immerhin hatten ja auch andere Amokläufer solche Spiele gespielt. Und dann schließt sich ein sehr gefährlicher Teufelskreis aus unsachlicher Berichterstattung, der verzweifelten Suche nach Inhalten und Erklärungen sowie Popoulismus. Dabei ist auffällig, dass das inzwischen acht Jahre alte Counter-Strike nach wie vor als DAS Ballerspiel gilt.

Das zuerst in praktisch allen Medien zu lesen war, dass der Täter seine Tat im Internet angekündigt hätte, stellte sich leider nicht so schnell als bewusst herbeigeführte Täuschung heraus. Damit ist dies ein weiteres trauriges Element der möglichst schnellen, aber wenig fundierten „Tatsachenverbreitung“, die sich bei Amokläufen immer wieder findet. Die Berichterstattung nach den Taten muss sehr oft nachgebessert oder komplett korrigiert werden. Der Autor dieses Artikels über den Amoklauf von Emsdetten stellte inzwischen sogar traurig fest, dass er seinen Bericht mit ein paar Änderungen bei Orten und Namen neu veröffentlichen könnte…

Einfache Antworten und Selbstdarstellungen

Was Herr Schäuble, unser Innenminister dann verlauten ließ, sorgte zuerst für Unglauben:

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble hat im tagesschau-Chat betont, der Grund für den Amoklauf in Baden-Württemberg sei „nicht der Waffenbesitz“ gewesen. „Wir wollen privaten Waffenbesitz nicht gänzlich verbieten“, so Schäuble. „Wir haben ja ganz strenge Begrenzungen.“ Und auch die strengsten Vorschriften könnten nicht verhindern, dass dagegen verstoßen werde. Man dürfe nicht glauben, der Grund für das „schreckliche Geschehen“ sei privater Waffenbesitz.

Das eigentliche Problem seien vielmehr die Gewaltdarstellungen. Deswegen sei seiner Ansicht nach nun nicht der Staat gefordert, schärfere Gesetze zu erlassen. Das würde Freiheiten einschränken. Vielmehr stelle sich die Frage, wie wir mit diesen Freiheiten umgehen, sagte Schäuble: „Wenn durch Killerspiele solche Mechanismen in jungen Menschen aktiviert werden: Machen wir von unserer Freiheit in Zeiten moderner Medien nicht einen zu exzessiven Gebrauch?“

Nun hat sich Herr Schäuble in der Vergangheit nicht unbedingt als liberaler Verfechter von freiheitlich-demokratischen Grundgedanken geäußert, trotzdem halte ich diese Äußerung nicht nur für bedenklich, sondern für gefährlich.

Es ist für Herrn Schäuble also ein Ausnutzen der demokratischen Freiheit, wenn man Videospiele spielt, in denen man mittels Waffen Gewalt in einem virtuellen Raum ausüben kann, jedoch absolut mit der demokratischen Freiheit vereinbar, wenn jemand mehrere reale Waffen im Haus hat? Hier zeigt sich wieder eine sehr fragmentierte Liberalität einiger Unionspolitikern bezüglich Schusswaffen, wie damals etwa bei Beckstein oder Schünemann. Hierzu wiederhole ich auch gerne das Zitat Becksteins (Hervorhebung durch mich):

“Der Entwurf aus Berlin zum neuen Waffenrecht ist unübersichtlich, in Teilen sogar unverständlich und enthält unvertretbare Belastungen für Jäger, Sportschützen und Sammler sowie für Behörden. Vor allem lässt sich damit nicht die Innere Sicherheit erkennbar verbessern. Dieses pauschale Misstrauen gegenüber legalen Waffenbesitzern, insbesondere von Jägern, Sportschützen und Sammlern, ist vollkommen verfehlt und absolut inakzeptabel ist. Gerade illegale Schusswaffen haben doch eine immer größere Bedeutung bei Straftaten, sind also das weit größere Problem für die Innere Sicherheit. Vor allem für den Missbrauch von Schusswaffen insbesondere durch Jugendliche gibt es ein ganzes Bündel anderer Ursachen als den legalen Waffenbesitz. Dazu zählt etwa der unkontrollierten Konsum von gewaltverherrlichenden und schwer jugendgefährdenden Videofilmen und die Beschäftigung mit sogenannten Killerspielen, die in menschenverachtender Weise Todeshandlungen am Mitspieler simulieren. Bayern wird deshalb die Neuregelung zum Waffengesetz in der derzeitigen Fassung ablehnen, sofern nicht umfangreiche Änderungen erfolgen,” kritisiert Bayerns Innenminister Dr. Günther Beckstein den Gesetzesentwurf.”

Eine Forderung nach härten Waffengesetzen ist mir auch zu kurzfristig und wird der Komplexität der Tat und deren Hintergründe nicht gerecht. Wobei ich es fraglich finde, wieso in einem Staatsystem, bei dem die Gewalt eigentlich nur vom Staat ausgehen darf, überhaupt der Besitz von Schusswaffen für Privatpersonen erlaubt ist. Klar, Menschen töten Menschen. Waffen sind nur die Werkzeuge dazu. Doch welches begründetes Interesse kann ein Mensch haben, Werkzeuge zu besitzen, die nur dafür geschaffen werden, anderen Menschen Leid zuzufügen?

Irgendwo hat man auch wieder Helmut Lukesch ausgegraben, der in der wissenschaftlichen Welt der Mediengewaltforschung durchaus kein Unbekannter ist. Leider nicht im positiven Sinne, wie das Interview mit dem Mann mehr als deutlich zeigt. Alleine sein Verweis auf Grossman beweißt bereits, dass man an ihn als Wissenschaftler nicht ernst nehmen kann. Kleiner Einschub: Grossman ist ehemaliger Militärpsychologe und in Amerika sehr gefragt, da er schwierige Zusammenhänge leicht erklären kann. So ist eine seiner Behauptungen etwa, dass wir in der gewalttätigsten Gesellschaft leben würden, welche die Welt jemals gesehen hat und das es nur aufgrund der modernen Medizin so wenig Todesopfer geben würde. Grossman behauptet weiterhin, dass in der gewaltigen Zahl von Studien über die Wirkung medialer Gewalt nur eine Handvoll nicht von der Industrie gekauft worden seien und keinen Zusammenhang festgestellt hätten. Aus dieser Erkenntnis fordert er die Einstellung der Forschung in dem Bereich und die Akzeptanz, dass ein Zusammenhang zwischen violenten Medien und realer Gewalt besteht. Er gehört im übrigen auch zu denjenigen, die alle Studien, die seiner Meinung zuwider laufen als „von der Industrie gekauft“ bezeichnen. Doch genug zu Grossman. Wieviel man von Lukesch als Wissenschaftler halten kann, zeigt der folgende Abschnitt

Wie kann das die Gesellschaft verhindern?

Es ist kein kultureller Verlust, wenn dieser ganze Schrott verschwindet und solche Computerspiele vom Markt genommen werden. Spiele können natürlich auch unterhaltend sein. Es gibt tolle Sport- oder Jump-and-run-Spiele, die auch sehr actionreich sein können, ohne dass man gleich jemanden umbringt. Für die Computerspielindustrie ist es an der Zeit, sich von den aggressiven Spielen zu trennen und diesen menschenverachtenden Schrott nicht mehr zu verbreiten. Es sollte in der Gesellschaft geächtet werden, wenn jemand mit solchen Spielen Geld verdient.

Das ist nichts anderes als das Aufzwängen persönlicher Ansichten und die generelle Verteufelung von Videospielen, die Gewalt enthalten. Von fundierter Kritik liest man hier nichts. Jedoch äußert sich Lukesch am Ende des Interviews sogar etwas versöhnlich:

Aber es gibt ja auch Jugendliche, die das Spielen von Ego-Shootern als Sport begreifen. Was ist mit denen?

Da würde ich die Parallele zu den Liebhabern von Horrorfilmen sehen: Da gibt es auch viele Zuschauer, die solche Filme aus cineastischen Gründen anschauen und auf Schnitte und Spezialeffekte achten. Diese Menschen verarbeiten das Gesehen kognitiv ganz anders. Sie tauchen nicht komplett in die Story ein. So wird das auch bei den Extremspielern sein.

Da er hier festhält, dass die Wirkung von Medien vom Rezipienten abhängt und es keine einseitige Wirkung durch das Medium gibt, erübrigt sich seine Verbotsforderung aus dem obrigen Zitat und das ganze wackelige Argumentenkonstrukt bricht durch ihn selbst zusammen.

In einer fast schon grotesken Episode der Selbstdarstellung präsentiert sich Thomas G. Hornauer, der in einem Interview in einer Kirche einfach mal dreist minutenlang im Bild stehen blieb.

Hart aber Fair?

Ist es nicht schon etwas zynisch und anmaßend, noch am gleichen Tag des Amoklaufs zu einer Diskussionsrunde zu laden und die möglichen Hintergründe zu diskutieren? Die Sendung war eigentlich erstaunlich differenziert, zumindest wenn man die ältere Sendung zum Thema gesehen (und darüber erbost gebloggt hatte, wobei sich Herr Plasberg im Nachhinein ja für diese Sendung entschuldigte) hatte. Immerhin hatte man diesmal Spieler zur Diskussion geladen. Einen sichtlich überforderten Schülersprecher und einen Spieleredakteur gegen einen Bundespolitiker und einen Professor mit hervorragender rhetorischer Befähigung antreten zu lassen, ist aber auch eher tendenziell. Die Pychologin kam mir eigentlich durchgängig zu kurz, obwohl sie die Person gewesen wäre, die wohl aufgrund ihres Berufes am ehesten fundiert zum Thema hätte sprechen können. Die beiden Spieleverteidiger hatten jedenfalls keine Chance gegen die Politiker anzukommen, auch wenn diese sich bemerkenswert zurückgehalten haben. Gerade Pfeiffer fiel mal wieder dadurch auf, dass er genau das sagen und vermitteln kann, was man gerade dann hören möchte. Seine widersprüchlichen Aussagen zum Thema Gewaltmedien in den letzten Jahren sind beinahe eine eigene Publikation wert. Ein Highlight war für mich auch der Hinweis von Bosbach zu den Bäumen („Muss ich ein Baum sein, um mich für den Schutz des Regenwaldes einzusetzen?“), als der Spieleredakteur fragte, ob der Politiker schon mal so ein Spiel gespielt habe. Großartig! So zieht man das Publikum auf seine Seite und diffamiert den Gegner in der Diskussion! Das Plenum hat gut gelacht und applaudiert, als er diesen „seltsamen, liberalen Spieleliebhaber“ in seine Schranken verwiesen hat. Leider hatte der Spieleredakteur in der Sache durchaus Recht, es ist etwas ganz anderes ein Videospiel zu spielen oder es sich anzuschauen. Viel geistreicher gab es sonst leider nicht, da auch Herr Plasberg parteiisch wirkte und auch wieder Medieninhalte aus dem Zusammenhang gerissen präsentiert wurden. Zudem scheinen sich Videoberichte über jugendliche Testkäufer tatsächlich zu etablieren, um die Schwächen im Jugendschutzsystem aufzuzeigen und härtere Strafe fördern zu können. Aber halt! In Deutschland herrscht kein Gesetzesdefizit, sondern ein Vollziehungsdefizit. Die bestehenden Jugendschutzgesetze sind ausreichend, nur greifen sie nicht immer. Meine Nachfragen in örtlichen Videospielketten und Elektronikläden zeigten, so unempirisch mein Eindruck auch ist, eher, dass die Gesetze eingehalten werden.

Es gilt mal wieder zu erwähnen, dass gerade Herr Pfeiffer immer wieder betont, dass der Videospielkonsum und der Gewaltgrad der konsumierten Spiele sich antiproprtional zur Bildungsschicht der Rezipienten verhält. Das heißt: je niedriger der Schulabschluss des Elternhauses und des jugendlichen Spielers, desto öfter spielt er, gerade brutale Spiele. Auffällig ist aber, dass „Amokläufe“ an Schulen, nur in den höheren Schulformen von der Realschule bis zur Universität stattfinden. Das wurde jedoch ebensowenig hinterfragt, wie etwa Pfeiffers Aussage, einen Tag nach dem Amoklauf in Blacksburg

„Wer töten will, wird es immer schaffen, an Waffen heranzukommen. Größere Sorge bereitet mir, dass sich vor allem männliche Jugendliche systematisch desensibilisieren durch Computerspiele, die solche Tötungsarien vorzeichnen. Die Mehrheit der jüngeren Amokläufer hat sich erst am Computer in Stimmung geschossen. Ich plädiere deshalb bei gewaltverherrlichenden Killerspielen für ein Werbe- und Verkaufsverbot.“

Diese Urteile hatten keinerlei Grundlage, da zu dieser Zeit fast keine Informationen über den
Täter bekannt waren. Die Behauptung konnte später sogar völlig entkräftet werden, als man
beim Täter keinerlei Videospiele finden konnte. Dass der Täter 2005 freiwillig eine
Psychiatrie aufsuchte, fand zu diesem Zeitpunkt keine Erwähnung bei der Suche nach der
Ursache des Attentats. Doch dies nur nebenbei, um zu Betonen, welchen Stellenwert Herr Pfeiffer auf argumentativer Ebene, trotz sehr guter rhetorischer Kenntnisse, hat.

Interessant war auch, dass Herr Plasberg seinen Gästen kein Schlußwort zugestand, sondern dies durch einen Einspieler aus der Rede Johannes Raus zu einem anderen Amoklauf überließ, der in etwa aussagte, dass man sich nicht auf  scheinbar naheliegende Begründungen verlassen oder  so tun sollte, als ob man die Tat verstünde. Man versteht sie nicht. Eigentlich ist das ja eine Verhöhnung der vorher gelaufenen, einstündigen Diskussion…

Insgesamt geht die Diskussion leider wieder nicht über Stammtisch-Niveau hinaus. „Die Schule muss…“, „Die Gesellschaft muss…“, „Wir müssten…“ und dann kommt nichts mehr ist die differenziertere Seite. Die lautere und einfachere ist der Ruf nach Verboten von Videospielen oder Waffen.

Und nun?

Das gewohnte nehme ich an. Es wird vielleicht Änderungen am Waffenrecht geben, vielleicht auch wieder eine Verschärfung des Jugendschutzgesetzes. Die wirklichen Ursachen der Tat sind nicht ohne weiteres zu verstehen oder gar zu lösen. Doch das ist schwierig zu vermitteln. Verbote hingegen nicht. Aber wie gesagt:

Alles wie gehabt.

Advertisements

6 Kommentare

  1. praesidentin.de said,

    Schäuble ist unverantwortlich. WAFFENBESITZ FÜHRT ZU AMERIKANISCHEN UND DEUTSCHEN EXKZESSEN.

  2. MovieManMurk said,

    Wieder ein sehr lesenswerter Artikel, der den Nagel einfach auf den Kopf tifft.

  3. Dr. Azrael Tod said,

    wie so oft ein ziemlich guter Artikel, der die Sachlage ziemlich auf den Punkt bringt. Danke 🙂

    Zynisch betrachtet würde ich langsam sagen dass die extreme Berichterstattung über derartige Ereignisse Absicht ist… je mehr sich von dieser (für sie so erscheinenden) glorifizierenden Betrachtung anderer Amokläufer beinflussen lassen, umso mehr und vor allem heftigere Vorfälle haben wir. Wer will schon als irgendein Spinner in Erinnerung bleiben? Die Idee der größte Spinner zu sein hat doch schon eher was.

    Auf die Art bekommt auch jeder was er gerne hätte… Amokläufer ihre Aufmerksamkeit, die Presse ihre neuen Themen und Gefahren mit denen man den Leuten Angst machen kann und diverse Politiker wieder einen Grund ihre Repressionsforderungen unters Volk zu bringen.

    Ich würde auch durchaus eine Relation zwischen den Verboten von Waffen, Zigaretten, unserer Bildungspolitik und auf der anderen Seite diversen Terrorgesetzen, Verboten von „Killerspielen“ und unsummen die man für andere Bereiche ausgibt sehen.

    Der gesunde Menschenverstand muss einem sagen dass durch Waffen n Personen getötet werden, dass durch Lungenkrebs jährlich m Personen verenden und dass wir dringend mehr Geld ins Schulsystem stecken müssen.
    Die panische Reaktion sieht aber erstmal so aus dass wir Geld zur Abwehr von Dingen verwenden, vor denen wir Angst haben.
    Dass kaum jemand von einem Spiel gekillt wird, Terror in Deutschland eigentlich keine Opfer kostet, eine Geschwindigkeitsbegrenzung die Unfälle um X im Jahr reduzieren könnte sind zwar alles Tatsachen… aber daran haben wir uns gewöhnt, das lässt sich in den Medien nicht so wirksam verkaufen und dadurch auch schlecht richtig öffentlichwirksamme Politik machen.

    Indiz um meine These zu untermauern: Es wird mir wohl fast jeder zustimmen dass Schäuble inhaltlich eigentlich schon ewig nichts tragbares mehr von sich gegeben hat.. aber jeder kennt seinen Namen und weiß was er tut.

  4. Seb said,

    Sehr gut beschrieben, ein wenig ausführlich vielleicht, aber es gibt im großen und ganzen gut wieder, was für ein entwürigendes Theater allerorten aufgeführt wird.

    Meine Beiträge dazu:

    http://sebmaster.wordpress.com/2009/03/12/amoklauf/

    http://sebmaster.wordpress.com/2009/03/13/ab-jetzt-herrscht-zucht-und-ordnung/

  5. Thomas Michalski said,

    Sehr, sehr schöner Beitrag – einmal mehr ein Applaus meinerseits. Es erscheint einfach nur wie Satire, wenn man die Debatten verfolgt. Ich hab ja auch nicht wirklich glauben können, was ich da teilweise in den aktuellen Jugendschutzrichtlinien las, als ich die Versandfragen für „Einfach Filme machen“ recherchiert habe. Das ist jetzt teils schon albern mit teils existenzvernichtenden Geldstrafen für Personen, die einen ungeprüften Film per Post verkaufen.
    Das noch schärfer machen?
    Yeah, right…

    Da lobe ich mir deine Beiträge, weil sie scharf formuliert, aber gut recherchiert sind. Das hätte ich dir jetzt auch per ICQ schicken können, aber ich finde, großes Lob bedingt Öffentlichkeit.

    Viele Grüße und weiter so,
    Thomas

  6. Deef said,

    Das könnte dich interessieren: ein Vorschlag für einen offenen Brief an Medien, Politik und Eltern.

    http://arm.in/1tU

    Viele Grüße,

    Deef

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: