Brauchen wir die USK?

24. August 2009 at 13:36 (Politik) (, , , , , , )

Der EA-Manager Gerhard Florin hatte im Rahmen der gamescom gefordert, dass man die USK abschaffen sollte und dafür das internationale Klassifikationssystem PEGI einzuführen. Dabei fand er  er deutliche Worte: „Das ist Zensur, was wir hier machen, aber keiner beschwert sich.“ (Quelle: EA fordert Abschaffung der USK)

Interessant, dass das mal jemand so offen sagt. Rein formell führt die USK tatsächlich keine Zensur durch, aber sie forciert Zensurmaßnahmen bei den Herstellern. Vereinfacht dargestellt sagt die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle also nicht: „Diese Szenen haben wir rausgeschnitten, damit es für Erwachsene okay ist„, sondern „In der aktuellen Form können wir dem Spiel leider keine USK-18-Freigabe erteilen, da es noch ein paar Faktoren gibt, die uns stören. Das heißt nicht, dass du das jetzt rausschneiden musst. Du kannst das Spiel auch ohne USK-Logo rausbringen, aber dann könnte es sein, dass es indiziert wird und dann kannst du effektiv nichts mehr verkaufen und ruinierst dich.“ Es ist also „keine Zensur“, sondern ein Zwang zur Selbstzensur.

Überraschenderweise fühlt sich eine Partei sogar dazu berufen, zu den Äußerungen Florins Stellung zu beziehen. Die FDP schrieb:

BERLIN. Zur Forderung nach Abschaffung der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle erklären die Kultur- und Medienexperten der FDP-Bundestagsfraktion Hans-Joachim OTTO und Christoph WAITZ:

Die Forderung des Electronic Arts Managers Gerhard Florin auf der GamesCom, die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) abzuschaffen und dafür das internationale Klassifikationssystem Pegi (Pan-European Game Information) einzuführen, teilen wir nicht. Das deutsche System der regulierten Selbstkontrolle ist effektiv und weltweit als vorbildlich anerkannt. Deutschland hat weltweit die verbindlichsten Regelungen bei Prüfung und Verkauf von Computerspielen. Zur Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle gibt es keine Alternative. Denkbar wäre allenfalls, die Pegi-Einstufung als zusätzliche Klassifikation zu nutzen. Eine internationale Harmonisierung kann nur auf Grundlage der anerkannten deutschen Qualitätsstandards laufen.

Eine lustige Mitteilung! Schauen wir sie uns einmal genauer an.

Das deutsche System der regulierten Selbstkontrolle ist effektiv und weltweit als vorbildlich anerkannt.

Effektiv ja. Immerhin kommen so keine Titel in den Handel, welche die Sittenwächter als anstößig oder gar als gefährlich für Erwachsene erachten. Das Recht auf informelle Selbstbestimmung wird eh überbewertet. Und da es weltweit so verbindlich ist, haben wir ja auch so viele Nachahmer weltweit… wie begründet die FDP denn das effektivste System?

Deutschland hat weltweit die verbindlichsten Regelungen bei Prüfung und Verkauf von Computerspielen.

Ah, verstehe! Wer am härtesten prüft, der hat auch am meisten Recht! Das leuchtet doch ein!

Zur Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle gibt es keine Alternative.

Öhem, doch? Die PEGI, die weiter oben selbst von der FDP erwähnt wurde? Die Pan-European Game Information wird von ALLEN Staaten der EU verwendet. Außer Deutschland. So schlimm kann es also nicht sein.

Denkbar wäre allenfalls, die Pegi-Einstufung als zusätzliche Klassifikation zu nutzen.

Erst gibt es keine Alternative und jetzt einen Kompromiss-Vorschlag? Wie soll denn das funktieren? Die PEGI-Klassifizierung findet sich auch auf vielen Spielen, die in Deutschland verkauft werden, aber sie haben keinerlei rechtliche Aussagekraft. Und was wenn doch? Muss man dann immer die höhere Freigabe von USK und PEGI nehmen? Oder zählt im Zweifelsfall die USK-Freigabe, was den PEGI-Kompromiss null und nichtig macht?

Eine internationale Harmonisierung kann nur auf Grundlage der anerkannten deutschen Qualitätsstandards laufen.

Soso, Harmonie kann es nur geben, wenn Europa dem deutschen Weg folgt. Klingt für mich nach einer sehr gefährlichen Geisteshaltung.

Insgesamt gibt die Pressemitteilung keinerlei Argument für den Erhalt der USK, außer „Ist deutsch, ist streng, ist super!“ Außerdem gibt es kein Argument, dass gegen die Einführung der PEGI spricht. Man lässt sich ja selbst das Hintertürchen offen, PEGI irgendwie doch einzuführen, was die Meldung der FDP praktisch völlig inhaltlos und überflüssig macht. Obwohl… nicht unbedingt überflüssig, immerhin informiert die FDP offen die Medienkompetenz ihrer Medienfachleute und hilft damit bei der Entscheidung, wo man sein Kreuz setzen kann.

Es würde mich sehr wundern, wenn die anderen Parteien das ebenfalls kommentieren würden, das ist einfach nicht ihre Welt. Obwohl… die Union hat ja schon genug Angst vor der Piratenpartei, dass sie deren Wahlplakate überkleben. Danke CDU! Ihr versteckt wenigstens nicht, welche Form von Demokratie euch vorschwebt…

P.S.: Ich habe gestern auf der gamescom am Stand der USK bei ihrem Quiz mitgemacht, elf Punkte geholt und ein blaues USK-T-Shirt gewonnen. Ich rocke, trotz Ironie!

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3 Kommentare

  1. Gabriel said,

    Ja, das Kreuz mit den Sittenwächtern. Es gibt immer Wichtigtuer die nach dem Prinzip arbeiten: „Was mir nicht gefällt ist für andere Schädlich!“.

    Es gibt meines Wissen keine (oder zumindest keine bekannten) Untersuchungen, was tatsächlich für Minderjährige schädlich ist und wie sehr. Es wird immer nur nach Bauchgefühl, Vermutung und persönlichem Mißgefallen Indiziert und eingestuft.

  2. desi said,

    Ähm, war da nicht was mit der FDP von wegen „wir sind gegen Netzsperren und für Meinungsfreiheit“ usw. blablablablubb ? Und jetzt plötzlich schlagen sie sich doch wieder auf die Seite der Zensoren. Sind ja bloß Computerspiele und Filme, da fällt so ein bisserl Zensur nicht ins Gewicht, net wahr ? Aber schön, daß die FDP jetzt doch ihr wahres Gesicht gezeigt hat. Fast hätt ich ihnen geglaubt, daß sie ausnahmsweise mal auf der richtigen Seite stehen.

    Außerdem hat Gabriel völlig recht. Die Wissenschaft kann nicht belegen, daß Medien überhaupt auf irgendeine Weise bei Minderjährigen (oder Erwachsenen) irgendwelche Schäden anrichten. Folglich ist die nur auf fehlerbehafteten Studien basierende Zensur absolut unverhältnismäßig und nicht statthaft und müßte vor Gericht im Prinzip auch nicht standhalten. Vielleicht kommt ja mal so ein Konzernriese wie EA auf die Idee, ihre Rechtsanwälte zu beschäftigen …

  3. Riffer said,

    Witzigerweise haben die Bundesminister doch gerade wegen der schlaffen Haltung der USK ein komplettes Verbot von BallerKillerspielen gefordert (Zitat aus dem Kopf: „Nur weil ein Killerspiel durch die USK gekommen ist, ist es als ungefährlich eingestuft und darf nicht mehr verboten werden. Das darf so nicht sein – wir fordern ein totales Verbot!“).

    Und jetzt sagt die FDP, die USK wäre der einzig gangbare Weg und die Creme de la Creme?

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