Videospielverbrennung des Aktionsbündnisses Winnenden

17. Oktober 2009 at 16:59 (Politik, Videogames) (, , , , )

Heute fand in Stuttgart vor der Staatsoper eine besondere Aktion statt. Das Aktionsbündnis Winnenden hatte zur Veranstaltung „Familien gegen Killerspiele“ geladen.Vor der Staatsoper wurde ein Container aufgestellt, in die Spiele geworfen werden sollten, „die das Töten von Menschen simulieren“. Diejenigen, die von der Aktion nicht nur inhaltlich überzeugt werden konnten, sollten dabei mit einem Los zusätzlich motiviert werden. Dieses Los soll später darüber entscheiden, wer ein Trikot der deutschen Fussballnationalmannschaft mit den Unterschriften der Spieler gewinnt.

Nachdem Videospieler  mit Kinderschändern, Holocaust-Leugnern und Amokläufern gleichgesetzt wurden und werden, kam es nun zu einer öffentlichen Vernichtung von Datenträgern. Diese Aktion des Bündnisses, das sich weitestgehend aus Eltern der beim Amoklauf von Winnenden ermordeten Eltern zusammensetzt, beschwörte mit der Aktion allerdings nicht mehr Feingefühl bei Eltern im Umgang mit dem Medium. Wie aktuellen Medienberichten zu entnehmen ist, kamen gerade mal zwei Dutzend CDs eine Handvoll Spiele zusammen, die in den Container geworfen wurden. Eine derartige Menge war zu erwarten. Nach dem Amoklauf in Erfurt 2002 wurde neben dem Blumenmeer für die Opfer der Bluttat eine Mülltonne aufgestellt, auf der ein Pappschild mit „Macht kaputt, was uns kaputt macht!“ prangerte. Die Mülltonne sollte als letzte Ruhestelle für brutale Videospiele dienen. Schlußendlich fanden sich aber nur eine Handvoll CDs in der Endlagerstelle.

Ich möchte nicht einmal versuchen zu verstehen, was diese Leute durchmachen mussten. Sein eigenes Kind zu verlieren ist eigentlich das schrecklichste, was ich mir vorstellen kann, gerade durch solch ein Verbrechen. ABER und das ist ein sehr großer aber für mich: Auch wenn sie ein Ventil suchen, um mit dem Geschehenen fertigzuwerden, das gibt ihnen nicht das Recht eine Kulturform per se zu verdammen und ihre Vernichtung zu fordern. Oder das extrem perfide sogar mit einem Preis zu belohnen, als wenn die Überzeugung nicht ausreichend würde.

Damals bei Hart aber Fair über „Killerspiele“ (ich berichtete) war ein Vater, der beim Amoklauf in Erfurt 2002 seinen Sohn verloren hatte. Zu meiner großen Überraschung war er in der Sendung der einzige, der überhaupt einmal den Stand der Wissenschaft angeschaut hatte und gegen ein Verbot war, weil es nicht durch Fakten belegbar sei.

Im Gegensatz dazu fordert das Aktionsbündis Winnenden ein „Verbot von Killerspielen die dazu dienen Menschen zu ermorden“ und die „Einführung einer Gewaltenquote im Fernsehen bzw. den Medien“. Was soll das bitte heißen? Wieviele Videospiele sind Waffen, die nur dazu dienen einen Menschen zu töten? Wie soll Software oder ein Datenträger das schaffen? Noch absurder ist die Forderung nach einer Gewaltquote im Fernsehen und anderen Medien! Die erste Frage die man da stellen muss ist „Was ist Gewalt?“ Muss sie intentional sein? Gilt sie nur für Menschen? Wird sie im Kontext betrachtet oder dekontextualisiert (was Schwachsinn, aber Usus ist)? Wenn bei der Live-Übertragung eines Fussballspiels eine Blutgrätsche gezeigt wird, wird damit aus Versehen die Gewaltquote für den Tag auf dem Sender erfüllt und abends muss statt des Krimis nun ein Liebesfilm kommen? Wer bitte soll darüber entscheiden? Was als Gewalt empfunden wird, ist ein rein subjektiver Vorgang und nicht objektivierbar. Wenn man das auch noch mit der Geisteshaltung der Quotenerfüller kombiniert wird („Der deutsche Jugendschutz funktioniert nicht, denn es werden nicht genug Spiele verboten“), da schüttelt es sich bei mir.

Die Empörung ist bei den Spielern natürlich aufgrund eines solchen Populismus und einer unverhohlenen Beleidigung des Hobbys natürlich groß und die Emotionen kochen hoch. Wie die Stuttgarter Zeitung berichtete, haben die Aktivisten auch schon einen privaten Sicherheitsdienst für die Sammlung engagieren, da sie viele beleidigende Emails erhalten haben. Der Vorstand kommentierte das mit „Mit so viel Bosheit habe ich nicht gerechnet. Betroffene Hunde bellen.“ Probiert das mal aus. Ruft eine Aktion aus, um Fussballspieler als saufende, prügelnde und randalierende Assis dazustellen und eine öffentliche Verbrennung von Trikots zu fordern. Die Fans werden sicher nicht in den Dialog treten wollen und das mit Recht. Bündnis-Vorstand Hardy Schober sagte [zu geplanten Gegenaktion]: „Sie haben unsere Aktion nicht verstanden. Wir gehen nur gegen Killerspiele vor.“ Der Intellekt der Spieler sei nicht sehr hoch.

Aber die Aktion trifft ja nicht nur deutsche Videospieler. Die Aktion ist thematisch mehr als nur Nahe an den Bücherverbrennungen und das Ausland reagiert mit Unbehagen darauf, dass so etwas wieder hier im Lande möglich ist, wie etwa bei Kotaku.

Und das ist nun wirklich nicht das Image, das ich für Deutschland im Ausland möchte.

Nachtrag: Beim SWR kann man hören, dass Hardy Schober Teil der Verschwörungstheorie ist, die glaubt, dass das amerikanische Militär Videospiele zur Desensibilisierung einsetzt. Sein Problem ist auch, dass Videospiele für Erwachsene auch von Jugendlichen gespielt werden. Warum vernichten sie die Spiele dann? Der Sinn der Aktion soll sein, dass ein Dialog geführt wird? Wer würde bitte einen Dialog über ein Medium damit beginnen, dass er dessen Vernichtung fordert? Eine sehr seltsame Truppe.

Hier mal ein Video zum Stand der Aktion um 14:30 Uhr.

Und ohne die Kollegen vom ZDF wären es sogar noch weniger gewsen:

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