Lügen und Doppelmoral gegenüber Videospielen (II)

21. Oktober 2009 at 15:05 (Politik, Videogames) (, , , )

Das Aktionsbündnis Winnende feiert ihre Aktion in Stuttgart als Erfolg, auch wenn international ebenso wie in Deutschland das Scheitern festgestellt wurde. In der üblichen Mischung aus fragwürdiger Motivation und mangelnder Orthografie berichtet das Aktionbündnis davon, dass man ja eigentlich die gleichen Ziele wie die Gamer hätte. Überraschend für das Aktionsbündnis: „Trotz der über 500 zum Teil sehr unverschämten und beleidigenden e-mails mit Androhungen im Vorfeld blieb die Aktion am Samstag friedlich und beide Parteien gingen fair miteinander um.“ Vielleicht könnte man auch einfach mal aufhören Videospieler zu beschimpfen, dann würde so etwas auch nicht mehr passieren. Und vielleicht erkennt man nun mal, dass Videospieler keine homogene Masse von Realitätsflüchtlingen sind, sondern (Überraschung!) ganz normale Menschen, die spielen. Aber wie sie selbst schreiben, sind sie ja am Dialog interessiert. Und wie könnte das besser funktionieren, als mit weiteren Veranstaltungen wie Killerspiele – Vorhölle zum Amoklauf? Dabei sollte man aber beachten, dass trotz des reißerischen Titels der Prof. Warkus ein sehr gemäßigter Wissenschaftler ist, der die Wirkung von gewalthaltigen Medien bei weitem nicht so stark einschätzt wie Pfeiffer und Co.

Apropos Veranstaltungen: Vom 19. bis zum 20. Oktober findet in Berlin eine Konferenz statt, die sich mit der Wirkung von audiovisuellen Medien auf Kinder beschäftigt. Bei der vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend unterstützen Veranstaltung werden unter anderem Weiß (Mediengewalt macht Rezipienten zu Neonazis), Hänsel und Schiffer zu Wort kommen – allesamt Unterzeichner des Kölner Aufrufs (ich berichtete). Aber auch Günter Haffelder, ein Geistheiler. Bei einer derartigen Zusammenstellung von Pseudo-Wissenschaftlern, Fanatikern und Esotikern kann man sicher keine interessanten Ergebnisse erwarten. Diskutiert wird auch nicht, immerhin ist man unter sich und kann sich gegenseitig zustimmen, ohne das Kritik laut werden müsste. Aber es zeigt sehr schön, in welchem Umfeld sich die Mediengewaltgegner größtenteils bewegen.

Schauen wir uns einmal das Programm des Vereins Sichtwechsel e.V. für gewaltfreie Medien an. Alleine die Einleitung lässt die Stirn runzeln „Ein großer Vorzug der audiovisuellen Medien besteht darin, dass sie beim Zuschauer eine psychische Aktivität herbeiführen, die zutiefst menschlich ist, weil sie eine sinnliche Erkenntnis fördert, die zur Orientierung im Alltag gebraucht werden kann.“ Äh, was? „Filmerleben hat aber auch eine andere etwas problematischere Seite. Das Medium verfügt nämlich nicht nur über die Möglichkeit, sich mit seinen Darstellungen sehr stark der Realität zu nähern, es kann sich von dieser Realität auch außerordentlich weit entfernen und uns in eine fiktive Welt führen, die nur noch wenig mit der uns bekannten gemeinsam hat und vornehmlich der Phantasie ihrer Schöpfer entspringt – dennoch aber als Realität wirkt.“ Achso! Der Verein gehört zu denjenigen, die einerseits glauben, dass Mediennutzer Probleme in der Rahmung von fiktiven zu realen Sinneseindrücken haben und dass das Eintauchen in die fiktionale Welt eines anderen, wie beim Lesen eines Buches, ein Problem darstellt. „Diese ungewöhnliche Eigenschaft, objektiv und subjektiv zugleich sein zu können, mag eine wichtige Ursache dafür bilden, dass die audiovisuellen Medien so bedeutend geworden sind.“ Öhem… das objektive Medium? Selbst Nachrichten sind nicht objektiv, da alleine die Auswahl der gezeigten Nachrichten subjektiv ist. Mal ganz davon abgesehen, dass man Printmedien oder auch nur Interaktion zwischen Menschen nur subjektiv sein kann, da die Kommunikationsteilnehmer andere Erfahrungen, Vorstellungen und Ansichten haben, die auf das Medium einwirken und es anpassen. „Sie [die audiovisuellen Medien] können dem Menschen helfen, wenn sie mit ethischen Wertungen des dargestellten Lebens verbunden sind, aber sie können auch desorientieren, wenn wertlose und schädigende Angebote gemacht werden, die sich etwa als wertfreie Unterhaltung darstellen.“ Ah, die Wertigkeit und Unwertigkeit von Medien, von fiesen Leuten auch als „entartet“ bezeichnet! Es geht auch wieder die bizarre Ansicht umher, dass Freizeitgestaltung mit Medien „erhöhend“ sein soll und aus einem einen besseren Menschen schaffen soll. Unterhaltung zur Zerstreuung wird dagegen als profan und unwert erachtet. Das ist eine sehr weit verbreitete Ansicht von Mediengewaltgegnern und eine der gefährlichsten. Denn wenn einige Leute die Deutungshoheit zur Wertigkeit von Medieninhalten bekommen, dann können auch „Gedankenverbrecher“ wieder auftauchen. Medien, die den „ethischen Wertungen des dargestellten Lebens“ nachempfunden sind, sind eine Horror-Vorstellung, denn sie führen zu eingeengtem Denken und sind schlicht Zensur. Der Grund für solche Ansichten ist leicht gefunden und natürlich moralisch fordernd: „Der offene Brief  der Eltern, deren Kinder am 11. März 2009 in ihrer Schule in Winnenden dem medieninduzierten Rausch eines 17- Jährigen zum Opfer fielen, verpflichtet uns dazu.“ Wer könnte bei so einer tragischen Geschichte widersprechen? Und es folgt ein Zitat aus dem Brief: „Wenn wir es zulassen, dass unseren Mitbürgern weiterhin täglich Mord und Totschlag serviert werden, ist abzusehen,  dass die Realität langsam, aber stetig dem Medienvorbild  folgen wird.“ Das ist die Imitationsthese und die ist mehr als nur fragwürdig.

Insgesamt bleibt wieder einmal festzuhalten, dass die Diskussion über Medienwirkung in Deutschland in der Öffentlichkeit weitestgehend von fachfremden Laien und Pseudo-Wissenschaftlern geführt wird.

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