Die Krise der Kritik

30. November 2009 at 21:18 (Lesen, Politik, Rollenspiel, Videogames)

Die Anregung zu diesem Artikel war die Frage des niederländischen Journalisten Rob Savelberg an unsere Bundeskanzlerin, wieso sie einen Mann als Finanzminister einsetzt, der in einen Spendenskandal verwickelt war. Dieser Mann ist mein Held. Wirklich. Er hat etwas getan, dass heute wirklich unüblich geworden ist: er hat eine kritische Frage gestellt. Die Irritation der versammelten deutschen Journalisten war verständlich, denn sie wissen: auf unbequeme Fragen gibt es keine vernünftige Antwort, nur die sehr wahrscheinliche Option, dass man in Zukunft keine Fragen mehr stellen kann. Eine Krise der Kritik und des Journalismus? Vielleicht, doch damals war auch nicht alles rosig.

Öffentlichkeitsarbeit versus Journalismus

Investigativer Journalismus oder auch nur das Rezensieren von Produkten ist heute weit schwieriger, als die meisten ahnen. Wer glaubt, dass man vor allem die Wahrheit verkünden soll, ist naiv. Die Wahrheit ist: es gibt viele verschiedene Wahrheiten, von denen man idealerweise die plausibelste findet. Nur kostet so etwas Zeit. Zeit die man nicht hat, denn Zeit ist Geld. Die Bezahlung im Lokaljournalismus oder für die freien Mitarbeiter allgemein ist sehr bescheiden, weswegen man angehalten ist, so viel Zeit wie nötig, doch so wenig wie möglich dafür zu investieren. Selbst wenn man irgendwann noch hohe Ideale von Qualität und Recherche hat… wenn man in der Zeit, in der man an einem Artikel arbeitet mit Geld mit dem Austragen von Zeitungen verdienen könnte, dann lässt das nach. Deswegen nimmt man aus Zeitersparnis eben gerne die vorbereiteten Texte der PR-Agentur und schreibt sie vielleicht etwas um. Während meiner Zeit in der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit musste ich oft die Zähne zusammenbeißen, wenn es um meinen Anspruch an journalistische Qualität ging. Pressearbeit ist kein Journalismus und es geht nicht um Wahrheit, sondern darum, den Arbeitgeber gut dastehen zu lassen. Umso überraschter kann man dann sein, wenn man später Artikel, die man an die Presse herausgegeben hat, 1:1 in der Zeitung liest. Natürlich mit einem anderen Namen unter dem Artikel. Ist das noch Journalismus oder ist man nur noch das Sprachrohr der „Kunden“? Zur Problematik der Verdienstmöglichkeiten schrieb ein amerikanischer, freier Autor, der des öfteren Videospiele testet, hier einen interessanten Artikel.

Finanzierung versus Journalismus

Das liebe Geld ist aber nicht nur das Problem des Schreibers, sondern auch des Redaktionsleiters. Er muss die Inhalte absegnen und bewegt sich dabei auf einem gefährlichen Balanceakt zwischen journalistischer Freiheit und wirtschaftlichen Problemen. Ich habe es bei Praktika in Redaktionen erlebt, wie die Werbeabteilung anrief und um eine „Korrektur“ von Artikeln „gebeten“ hat, weil die entsprechenden Leute aus dem Artikel gute Werbekunden seien. Oder aber auch, das Firmen nach der Veröffentlichung von News in der Redaktion anriefen, um diese entfernen oder zumindest „korrigieren“ zu lassen. Der Redaktionsleiter hat nun die undankbare Aufgabe, dort einen Zwischenweg zu finden. Wenn er die Firmen abschmettert und kritisch berichtet, dann könnte man in Zukunft bei News „vergessen“ werden, Rezensionsexemplare verspäten sich oder andere Redaktionen bekommen exklusives Material. Wenn er den Forderungen nachgibt, wird er zu einem besseren Verlautbarungsorgan der Firmen, die preisgünstig Werbung produzieren. Diese Problematik wurde vor kurzem auch bei dem Videospielportal 4players thematisiert. Boris Schneider-Johne, der Produktmanager für die Xbox von Microsoft, hat in seinem privaten Blog auch mal die Sichtweise der Produzenten dazu geschildert. Und diese halte ich für bedenklich, denn aus seiner Sicht scheinen nicht nur Embargos auf Informationen, sondern auch die Forderung nach hohen Wertungen für einen vorzeitigen Test des Spiels legitim. Klar, beide Seiten profitieren zunächst davon. Der Publisher erhält eine gute Wertung, wodurch sie sich gute Verkaufszahlen versprechen und das Magazin kann einen möglichst durch sie selbst gehypten Titel vor allen anderen Zeitschriften präsentieren und steigert damit vermutlich auch die Verkaufszahlen. Das ist aber sehr kurzfristig gedacht, denn damit ruiniert man sich schneller den Ruf, als man annehmen sollte. Und auch Videospielmagazine können bei solchen Angeboten schon mal an die Öffentlichkeit gehen, um den Anbieter zu diskreditieren und sich selbst als ernstzunehmende Journalisten darzustellen.

Wertungen versus Journalismus

Nur sind die Spielemagazine zum Teil selbst Schuld an der Misere, denn sie nutzen und verbreiten nach wie vor die Prozentwertungen. Ich schrieb ja vor inzwischen schon drei Jahren (gasp!) in meinem Beitrag „Wie schreibt man eine Rezension?“, dass Wertungssysteme Quatsch sind und eine Vergleichbarkeit suggerieren, die einfach nicht gegeben ist. Wie in dem oben verlinkten Artikel des amerikanischen Spielekritikers bereits erwähnt, nehmen diese Wertungen einen enormen Stellenwert bei Publishern und auch Kunden ein. In dem Beitrag erzählt er, dass er einen Anruf von einem Publisher bekam, weil seine Wertung die Metacritic-Score unter 90 (!) senkte und ihm wurde impliziert, dass er Probleme bekommen würde, wenn er noch mal eine so negative Wertung vergeben würde. Der Irrweg dieser Wertungen wird von Boris Schneider-Johne ausführlich in seinem Blog analysiert, was bereits eindrucksvoll ist, denn er war einer derjenigen, die dieses System in Deutschland etabliert haben. Während ich gerade mal Schreiben lernte, hat er bereits Videospiele in Zeitschriften getestet und diese Sparte in Deutschland etabliert.

Natürlich gibt es auf die Forderung nach der Abschaffung des Prozentsystems auch gegenteilige Stimmen aus dem Lager der Magazine. Petra Fröhlich, die Chefredakteurin der PC Games schrieb in ihrer Kolumne, dass Spieltester auch die Eier haben müssten, ein Spiel klar zu bewerten und auch dazu zu stehen. Die Wertung ist ein Standpunkt, der Orientierung bieten soll. Auch wenn ich Frau Fröhlich völlig zustimme, dass eine Test dies leisten muss, so sehe ich das auch ohne Wertung gegeben. Durch den natürlich subjektiv bestimmten Prozentwert, wird ein objektiver Eindruck von der Vergleichbarkeit geschaffen, der nicht haltbar ist. Von meiner Warte als Rezensent aus muss ich die Spiele der Dynasty-Warriors-Reihe klar kritisieren. Sie haben furchtbare Grafik, eine nicht vorhandene KI, keine Story, nervige Musik und einen extrem monotonen und repetitiven Spielablauf. Trotzdem habe ich alleine bei Samurai Warriors 2 inzwischen eine Spielzeit von fast 50 Stunden, von den anderen Teilen der Reihe die ich hier herumliegen habe mal ganz zu schweigen. Wieso spiele ich es trotz der massiven Mängel und dem eigentlich immer gleichem Spiel (!) so viel? Die Spiele der Reihe belohnen konstant. Es gibt ständig neue Waffen, Erfahrungspunkte, Geld, neue Charaktere und mehr Manöver. Das hält mich beim Spiel. Eine Prozentwertung würde mich in arge Bedrängnis bringen. Noch mehr, wenn ich Dynasty Warriors 5 mit Dynasty Warriors 6 vergleichen müsste. Es hat sich nichts getan, muss ich deswegen jetzt den neuen Teil schlechter bewerten, weil sich in der Zeit seit dem letzten Teil die Spielewelt weiterentwickelt hat? Gebe ich die gleiche Wertung? Gebe ich sogar eine schlechtere Wertung als „Bestrafung“ dafür, dass sie das gleiche Spiel noch mal herausgeben? Wenn ja, wie viel Prozentpunkte weniger sind „gerechtfertigt“? Eine Milliarde Probleme tun sich auf, die man mit einem wohldurchdachten und auf dem Test aufbauender Fazit umgehen kann.

Internet versus Journalismus

Das Internet als Plattform ist aber auch ein Problem. Im Internet ist jeder Kritiker und Aktualität das wichtigste Gut. Mir ist es letztlich passiert, dass ich eine News über den fehlerhaften Multiplayer-Modus eines Spiels geschrieben und für später am Tag terminiert hatte, damit nicht alle Meldungen zur gleichen Zeit kommen. Als die Nachricht mittags online ging, kamen danach direkt kritische Kommentare, dass es doch „längst“ bekannt sei und dass die Entwickler das Problem gefixt hätten. Es ging hier nur um ein paar Stunden, doch es wurde Kritik laut, dass die Qualität der Seite nachgelassen habe, weil News so spät kämen. Das ist nicht nur frustrierend, sondern zeigt auch das Problem, unter dem Journalisten in heutigen Zeiten stehen, denn die Zeit etwas ausführlich zu hinterfragen ist einfach nicht mehr da. Wenn die Internetgemeinde sich zwischen einer News mit Rechtschreibfehlern und abgeleitet aus einer Pressemitteilung jetzt und einer ausformulierten und hinterfragten News heute Abend entscheiden muss, dann wählen sie in der Regel das erste.

Die Magazine hingegen haben dadurch eine ganz neue Chance. Anstatt immer mehr das Fast Food des Internet-Journalismus aufzunehmen, könnten sie ausführliche Tests anbieten, die in die Tiefe gehen und für die man sich sowohl als Autor, als auch als Leser Zeit nimmt. Ob sie die Chance wahrnehmen oder aussterben wird die Zeit zeigen.

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4 Kommentare

  1. greifenklaue said,

    Wunderbarer artikel!

  2. PiHalbe said,

    Interessanter Artikel, der zum (erneuten) Denken anregt. Besten Dank!

    Ja, diese Wirtschaftsbezogenheit und auch extreme Schnelllebigkeit machen ernsthafte, kritische Berichte schon zu einem Problem. Dann doch lieber nanohypen (denn länger hält es meist nicht an). :-/

  3. Thomas Michalski said,

    Ein extrem guter Artikel, ja. Dickes Lob meinerseits.
    Ich denke, ich greife den Faden heute mal auf und blogge mein mir selber auch noch was dazu, aber du triffst den Nagel schon sehr gut auf den Kopf.

    Viele Grüße,
    Thomas
    *selber ja irgendwie im Journalismus tätig*

  4. Scorpio said,

    Das die Auseinandersetzung mit dem zu rezensierenden Produkt und die wirtschaftlichen Zwänge auch im Literaturbetrieb Gang und Gäbe sind, findet man etwa in diesem Artikel http://jungle-world.com/artikel/2010/04/40262.html

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