Wie schreibt man eine Rezension? – Nachtrag

19. Januar 2010 at 00:04 (Lesen, Rollenspiel) (, , , , , , , , , , , , )

Aus aktuellem Anlass ein Nachtrag zum Schreiben von Rezensionen. Nachdem bei den Blutschwertern eine Rezension zum Rollenspiel Frostzone verschoben wurde, kam es zu hitzigen Diskussionen (wie hier im Tanelorn), auch um Rezensionen an sich. Der Zeitpunkt ist interessant, habe ich doch erst vor kurzem über die Krise der Kritik geschrieben.  Hier ein paar Klarstellungen von meiner Seite dazu, weil ich ja bereits vor Jahren einen Artikel darüber geschrieben habe, wie ich glaube, das Rezensionen geschrieben werden sollten.

Das Thema Rezension ist mir sehr wichtig und ich habe in den letzten Jahren auch zwei mal versucht einen Workshop auf Cons anzubieten. Auf dem Feencon saßen drei Leute drin die nicht direkt aus meinem unmittelbarem Umfeld waren und auf der RPC kam überhaupt niemand (könnte auch am parallel stattfindenden DSA-Workshop zur Zukunft Aventuriens im Nebenzelt gelegen haben… mhm…). Das Interesse an der Thematik Rezension ist also… verhalten. Hier noch ein paar Nachüberlegungen zum Thema:

Der Rollenspielbereich ist geradezu lächerlich klein und die Beträge um die es geht ein Witz. Was hier als Untergang der Glaubwürdigkeit abgefeiert wird, ist im Bereich der Videospielmagazine Alltag. In der Diskussion darum, was eine Rezension zu leisten habe, haben viele Leute geradezu lächerliche Anforderungen gestellt. Um es noch mal aus meiner Warte als Rezensent zu sagen: Ich lese jedes Rollenspielprodukt KOMPLETT bevor ich es rezensiere. Das ist das mindeste, was ich tun muss, bevor ich eine Rezension schreiben kann. Doch danach wird es schon kniffliger. Vor Brettspielrezis spiele ich den Titel mindestens einmal, eher zwei bis drei mal. Das geht deswegen, weil ich zwei mal einen festen Brettspielabend mit Leuten habe, die gerne neue und auch komplexe Spiele ausprobieren (und ja, das Brettspiel zu Battlestar Galactica ist wirklich richtig gut!). Doch wie sieht es bei Rollenspielen aus? Dank des Aachener Rollenspielstammtischs habe ich eigentlich immer Zugriff auf Leute, die gerne mal etwas testen. Eine feste Runde für neue Spiele haben wir aber nicht (von ständig wechselnden Savage-Worlds-Settings mal abgesehen) und es müssen dann Leute, ein Spielort und ein gemeinsamer Termin gefunden werden. Das ist alles recht aufwändig, wie die meisten Leser sicherlich selbst erfahren mussten. Und selbst wenn man eine Gruppe zusammenbekommt… wann ist ein Rollenspiel „genug“ gespielt, damit eine „richtige“ Rezension dazu schreiben kann? Eine Sitzung? Vier Sitzungen? Ein Jahr wöchentlichen Spielens? Muss ich die Spieler dazu bringen möglichst unterschiedliche Charaktere zu spielen, damit ich einen breiten Eindruck bekomme? Spieltests sind nicht immer möglich und auch nicht notwendig für Rezensionen von Rollenspielprodukten. Und wie soll man Settingbände testen? Alle Locations einmal besuchen lassen? Alle Plothooks spielen? Wie eine Kampagne? Erst komplett durch, dann die Rezension? Soll man in einem Jahr nur eine Rezension schreiben? Wenn interessiert der Test zu einem Band, der vor mehr als einem Jahr erschienen ist?

Professionelle Spieletester bei Videospielmagazinen spielen aus Zeitgründen die Videospiele in der Regel nicht durch, über die sie Tests schreiben. Die PC Games ist sogar so ehrlich, die Zeit die der Tester mit dem Spiel verbracht hat, direkt in den Testkasten zu packen. Dazu kommt es auch oft zu Fehlern in Videospieltests oder zu Stellen, wo der aktive Spieler nur irritiert die Stirn runzelt, weil das verhuntzte Ende oder dieses oder jenes sehr schlechte Level im Test nicht angesprochen wird. Dadurch verliert der Test und auch der Tester natürlich extrem an Glaubwürdigkeit. Letzten Monat ging ein Aufschrei durch die Videospiellandschaft, als ein Magazin aus Hongkong Final Fantasy XIII nur 40% gab (siehe zum Irrsinn der Wertungen auch den oben verlinkten Artikel „Krise der Kritik“). Der Tester schrieb tatsächlich, dass er es nur acht Stunden mit dem Spiel ausgehalten hätte und nicht verstehen könne, wie sich Leute die vollen 50 Stunden davorsetzen könnten. Wenn jemand im Rollenspielbereich schreibt, dass er das Buch nicht komplett gelesen habe, dann hagelt es (zu Recht!) Kritik. Nur: Der Rezensent hat im besten Fall ein Rezensionsexemplar erhalten, das er behalten darf. Die Redakteure die soetwas beruflich machen, verdienen ihren Lebensunterhalt damit. Deswegen erscheint mit die ganze Diskussion einfach nur lächerlich.

Wenn bei einem Videospielmagazin ein Spiel schlecht abschneidet, dann vergisst der Publisher schon mal gerne Testexemplare rechtzeitig zu senden oder es wird keine Werbung mehr im Heft geschaltet. Jeder Verriss (oder auch nur zu niedrige Wertung!) ist damit auch eine wirtschaftliche Gefährdung des Magazins an sich. Welche Existenzen können durch eine negative Rezension schon vernichtet werden, da alles quasi im privaten Umfeld erfolgt? Der Verlag schickt im schlimmsten Fall keine Rezensionexemplare mehr. Zugegebenermaßen hat sich der NackterStahl-Verlag ja nicht unbedingt den besten Ruf erarbeitet und gilt als recht verklagungsfreudig. Trotzdem bezweifle ich, dass man wegen einer negativen Rezension Rechtsmittel einlegen kann, solange keine Beleidigungen („Die vom Verlag haben alle doofe Ohren!“) oder Verleumnungen / Lügen („Das Lesen des Buches hat bei mindestens zwei Personen Strahlung verursacht, kauft es nicht!“) vorliegen.

Rezensionen sind immer subjektive Betrachtungsweisen eines Produkts. Während man LKW A einfach mit LKW B vergleichen und die technischen Daten nebenan stellen kann, ist dies bei einem Rollenspiel, Videospiel oder Roman überhaupt nicht möglich. Man muss anhand der Argumentführung des Autors entscheiden, ob man ihm zustimmt oder nicht. Der Autor steht mit seinem Namen für seine Kritik ein. Im Blog von Roland Austinat, einem der Veteranen des deutschen Videospieljournalismus, beklagt er, dass es heutzutage viel zu viele Tester geben würde. Als in den 80ern angefangen wurde Spieletests in Magazinen zu veröffentlichen, gab es nur eine Handvoll. Leser kannten die Vorlieben und Eigenheiten der Redakteure und konnten dadurch auch leichter einschätzen, ob das Spiel etwas für sie war. Wenn ich sehe, dass Björn Lippold in der Mephisto ein D&D4-Produkt rezensiert hat, dann weiß ich bevor ich den Test gelesen habe, dass am Ende ein „das ist nichts für richtige Rollenspieler“TM dabei herauskommt. Das war bislang immer so. Ich weiß dann, dass er andere Anforderungen an die Produkte stellt, als ich es beispielsweise tun würde und das hilft mir bereits. Erst seitdem ich die GEE lese, die nicht einmal Fotos ihrer Redakteure abdruckt, habe ich erkannt, wie wichtig der Name des Kritikers sein kann. Er steht dafür ein, er schreibt seinen Namen unter den Test und packt sein Bild dran um zu sagen „Ich stehe dazu!“. Wenn so etwas fehlt… und das tut es sehr oft in der Internetlandschaft.

Mein Name ist Michael Mingers und manche nennen mich auch Scorpio. Und ich stehe zu meinen Rezensionen.

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6 Kommentare

  1. Thomas Michalski said,

    N’Abend 😉

    Die Personalisierung ist ein wichtiger Faktor, den du da ansprichst. Das gilt sicherlich für den Rollenspielbereich, denn das war bei mir schon zu Wunderwelten-Zeiten immer ein Faktor. Wenn da „Rainer Nagel“ unter einer Rezi stand, dann wusste ich, dass ich zwar mit der Meinung des Autors nicht immer Konform gehen würde, aber auch, wie ich den Tonfall einzuordnen hätte. Ich nenne daher die WuWe und Rainer Nagel immer wieder gerne als eine der beiden Quellen, die mich zum Rezensieren inspiriert haben.

    Die andere Quellen – ein Kreis geschlossen – war die alte Video Games. Die habe ich damals verschlungen und es war mir wichtig, wer etwas geschrieben hatte. Die starke Personalisierung der Zeitung, die Tatsache, dass neben den Videospielen auch die Redakteure immer in den Mittelpunkt stellte, fand ich sehr faszinierend. Aus Kino-Zeitschriften kannte ich das so etwa nicht und es war eine neue Herangehensweise, die ich sehr stark und toll fand.

    Ich verfahre heute nicht anders. Ich habe derzeit kein Videospiel-Magazin meiner Wahl mehr, da die GamePro mich vor etwa zwei Jahren als Kunde verloren hat, aber selbst bei Artikeln im Spiegel achte ich oftmals zuerst auf den Namen des Autors, bevor ich zulesen beginne. Gerade und besonders bei den Buch- und Kinobesprechungen im Kulturteil.
    Ich lese Blogs aufgrund der Personalisiertheit, etwa auch hier, auch wenn denn das natürlich gemogelt ist, da wir uns privat kennen.
    Diese Identifikation des Autors mit dem Text durch den Leser, aber auch vom Text mit dem Autor durch den Leser, sind extrem wichtige Faktoren für mich, bei Rezensionen aber auch bei der Lektüre der zu rezensierenden Werke etwa.
    Insofern stehe ich auch zu meinen Rezensionen. Darum steht mein Name darunter.

    Zur allgemeinen Kritik, insbesondere im Bezug auf die Glaubwürdigkeit, kann ich dem Gesagten nur zustimmen. Dein „Krise der Kritik“-Artikel fasst da viele wichtige Aspekte zusammen und verlinkt, wenn ich mich richtig erinnere, auch das Blog von Boris Schneider-Johne, worin man dann denke ich die zweite Hälfte der relevanten Betrachtung finden kann.
    Spannend sind glaube ich allein der Faktor, welchen Ruf Nackter Stahl offenbar selbst in der „Community“ zu haben scheinen, sowie die Tatsache, dass die Kritikpunkte ganz offenbar in unterschiedlichen Domänen aus unterschiedlichem Anlass so gehäuft auftauchen, was ich allerdings unter „Statistik halt…“ verbuche.

    Alles in allem wieder einmal ein sehr schöner Beitrag.

    Viele Grüße,
    Thomas

  2. PiHalbe said,

    Schöner Beitrag!

    Dass die Rezension von Rollenspielen nur zu einem eher geringen Teil aus Fakten bestehen kann ist ja klar. Und auch das Probespielen ist eine kniffelige Sache (da sehr zeitaufwändig). Da denke ich, dass man das System in jedem Falle testen muss, bevor man sich eine Meinung erlauben kann — da kann man auch noch relativ objektiv sagen, was klappt und wo Schwierigkeiten sind. Aber bei Fluff, Abenteuervorschlägen, Szenarien, Metaplot und selbst Ausrüstungsbänden etc. ist das in der Regel nicht machbar und auch gar nicht nötig. Hier muss der Eindruck des Rezensenten reichen. Während das System ja idR von allen gleich verwendet wird, geht es bei solchen Zusätzen schon stark auseinander. Zwar kann man auch hier ein paar objektive Kriterien anlegen (Wieviel gibt es wovon? Sind passende Illustrationen dabei? Schreibstil und Lektorat. Handlich aufbereitet? …), aber zum Inhalt selbst kann man eben nur eine Meinung abgeben, sie sich vermutlich direkt beim Lesen bildet.

    Alles in allem muss also in eine Rezension eine Kombination aus (quasi-)Fakten und Meinung. Und für die Meinung ist dann auch der Name entscheidend. Deswegen schaue auch ich immer vorher, wer etwas geschrieben hat. Dann kann ich das gelesene auch richtig einordnen.

    Kurz zur Frostzone-Rezi: die Erfüllt meiner Meinung nach alle Kriterien einer Rezension. Ich mag den Stil des Rezensenten nicht und würde wohl nicht noch eine Rezension von ihm lesen, aber ich habe alle Informationen, die ich brauche. Insofern finde ich die Rezension in Ordnung und sehe kein Problem darin. Verständlich, dass NaSta sich darüber ärgert, aber das ist eigentlich nun wirklich ihr Problem und nicht das des Forums.

    In diesem Sinne.

  3. Stefan said,

    Der Wichtigkeit der Personalisierung kann ich zustimmen, aber warum braucht man ein Bild des Autors?

  4. Scorpio said,

    @PiHalbe:
    Schreibstil und Stil der Illus sind ebenso subjektiv wie die Gewichtung von Layout, Preis und Rechtschreibfehler im Fazit.

    @Stefan:
    Man braucht das Bild des Autors nicht, aber es verstärkt die Personalisierung ein ganzes Stück. Hinter einem Namen kann sich sonstwer verstecken. Da kann ich als Praktikant ein Lied von singen, wenn ein Text von mir unter dem Namen eines Redakteurs irgendwo landet. Wenn man ein Bild des Menschen dazu packt, dann gibt es einen Wiedererkennungswert, der sehr viel persönlicher ist, als nur der Name. Das sieht man ja auch gut auf Cons, wo man ständig an Leuten vorbeiläuft, die man eigentlich seit Jahren aus Foren nur mit ihrem Namen kennt.

  5. PiHalbe said,

    @Scorpio:
    Nun ja, letztendlich ist ja alles, was wir wahrnehmen subjektiv. Aber dafür ob eine Illustration den Inhalt stützt (oder eben nicht oder durch Abwesenheit glänzt) finden sich nun doch recht breite gemeinsame Ansichten.

    Und auch beim Schreibstil gibt es gewisse Standards, die man entweder einhalten oder durch deren Brechen man auffallen kann (konsequente Wortwahl, passendes Vokabular, wenig Wortwiederholung, …).

    Da gibt es also schon ein paar recht eindeutige Kriterien. Ob ein Rezensent die nun behandelt und was genau er davon hält, ist wieder eine andere Frage.

  6. greifenklaue said,

    Ich halte es ähnlich bzgl. Lesen und Testen, ein nur halb gelesenes Buch zu rezensieren geht gar nicht. Ausnahmen können Soloabenteuer bilden, wo man ja nicht jeden Abschnitt automatisch liest. Ansonsten: hätte der Rezensent nur deine Anleitung gelesen…

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