Verschwörungstheoretiker der Mediengewaltforschung I: Manfred Spitzer

5. Februar 2010 at 18:43 (Politik, Videogames) (, , )

Kennt ihr Manfred Spitzer? Das ist ein sehr bekannter Neurologe, der auch auf br-alpha eine eigene Sendung namens Geist und Gehirn hat. Er wird gerne und oft zu Vorträgen geladen und seine Publikationen sind weit verbreitet. Und das ist ein Problem, denn der Mann ist gefährlich.

Aktuell hat ihn der Tagesspiegel zu einem Interview geladen, in dem er wieder einmal seine Weltsicht verkünden konnte, die von einigen Lesern durchaus als Fakten verstanden werden könnten. In „Kinder lernen besser ohne Computer“ kann der Leser all die Thesen erfahren, mit denen Spitzer seit vielen Jahren die Diskussion um „Neue Medien“ belastet. Da wird der Bankrott des deutschen Bildungssystems attestiert, weil Computer eingesetzt werden, die ja „Müll“ seien. Dort wird erneut behauptet, dass Fernsehen Leute dumm und gewalttätig macht. Und den Klassiker der Messung von physischen Komponenten wie Blutdruck, Herzfrequenz und Hautwiderstand, um auf psychisch-soziale Elemente zu schließen. Jeder der sich ein wenig mit Medienwissenschaften auseinandergesetzt hat, schlägt bei Spitzers Thesen die Hände über dem Kopf zusammen, aber er ist gerade im Umfeld von Lehrern und Pädagogen äußerst beliebt. Seine Schuldabwälzung auf Medien kommt diesen Berufsgruppen ja auch sehr entgegen, wie auch im Interview deutlich wird. Aber schauen wir uns mal ein paar der Thesen dieses Mannes an.

Bei meinen Recherchen zum Thema Jugendschutz hatte ich mir auch mal Spitzers bekanntestes Buch Vorsicht Bildschirm vorgenommen. Da dieser Mensch sich öfters sehr kritisch zu den Tätigkeiten Fernsehen und Videospielen geäußert hat, hatte ich keine sonderlich hohen Erwartungen an das Buch. In ihm finden sich hetzerische Passagen, er vergleicht Bildschirmmedien mit Umweltverschmutzung und spricht immer und immer wieder davon, dass Bildschirme Tausende von Menschen auf dem Gewissen haben und noch töten würden. Kling seltsam? Nun, hier die Kernthese:

„Wären Bildschirme nie erfunden worden, dann gäbe es alleine in den USA jährlich etwa 10.000 Morde und 70.000 Vergewaltigungen weniger sowie 700.000 weniger Gewaltdelikte gegen Personen, wie schon Anfang der 90er Jahre der Epidemologe Brandon Centerwall […] berechnet hat.“ (Spitzer, Manfred: Vorsicht Bildschirm. Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft. Ernst Klett Verlag: Stuttgart Düsseldorf Leipzig 2005. S. 8.)

Das fand ich dann doch etwas seltsam und habe mir mal angeschaut, was der Herr Centerwall denn so geschrieben hat.

Die Basisthese von Centerwalls These besagt, dass in jedem Land, welches Fernsehen einführt, sich die Anzahl der Morde innerhalb von 15 Jahren verdoppelt. Centerwalls Grundlage für diese Behauptung umfasste aber nur drei Staaten: die USA, Kanada und Süd Afrika. Dabei vergleicht er die Mörderraten der weißen Bevölkerung im Zeitraum von 1945 bis 1974 und den Besitz von Fernsehgeräten. Anhand der stabil bleibenden Zahl an Morden in Süd Afrika während dieser Zeit ohne Fernsehprogramm, aber einer steigenden Zahl von Morden in Kanada und den USA jeweils mit Fernsehprogramm, schloss er, dass bei gleichbleibender Geschwindigkeit, eben jene oben erwähnten 10.000 Morde und weitere Gewalttaten in Amerika stattfinden würden. Diese Ergebnisse sind allerdings wertlos, da Süd Afrika da die dortigen Morde an der weißen Bevölkerung nicht einmal 5% der örtlichen Mordfälle ausmachten, was die Ergebnisse grob verfälschte. Bei einem Vergleich der These durch Franklin E. Zimring und Gordon Hawkins mit den vier Industriestaaten Frankreich, Deutschland, Italien und Japan, fanden sie heraus, dass die Mordraten im untersuchten Zeitraum und bei steigendem Fernsehkonsum entweder konstant blieben wie im Falle Italiens, oder sogar sanken wie bei den drei anderen Ländern. Zudem geht Centerwall auch nicht auf die Inhalte des Fernsehens ein, sondern nur auf den Besitz eines Fernsehgeräts. (Rhodes, Richard: The Media Violence Myth)

Ferner findet sich in Vorsicht Bildschirm die Behauptung, dass Jungen das Internet nur für illegale Downloads und „Ballerspiele“ nutzen, wohingegen Mädchen das Internet für Kommunikation und Recherche nutzen würden. Daraus schließt Spitzer, dass Mädchen früher und mehr Zugriff auf das Internet haben sollten als Jungen. Pädagogisch fragwürdig, wenn man mich fragt, zudem Spitzer als Beweis für diese Behauptung nur die Beobachtung seiner eigenen Kinder anführt. (Vgl. Spitzer, Manfred: Vorsicht Bildschirm. S. 140) Verwirrender ist allerdings sein weiterer Schluss aus der Mediennutzung Jugendlicher:

„Das Resultat ist schon fast unheimlich und besteht unter anderem darin, dass trotz jeder Menge realer Kriege in der wirklichen Welt die Diskussion immit 4:3 männlich dominierten Familienkreis von fiktionalen Kriegen (von Star Wars bis Herr der Ringe) beherrscht wird.“ (265 Vgl. Spitzer, Manfred: Vorsicht Bildschirm. S. 140)

Spitzer suggeriert damit, dass fiktionale Gewalt keine Daseinsberechtigung hätte, selbst wenn sie mystifiziert dargestellt wird, wie in den Filmen Star Wars oder Herr der Ringe, da Gewalt ja real existiert. Im ganzen Buch definiert Spitzer aber nicht, was er unter Gewalt versteht, schreibt aber immer wieder von der Wirkung von Gewalt, die er knapp, aber ohne Belege zusammenfasst:

„Fernsehen fördert die Gewaltbereitschaft und führt zu mehr Gewalt in der wirklichen Welt.“ (Vgl. Spitzer, Manfred: Vorsicht Bildschirm. S. 167)

Spitzer lässt zudem keine Kritik an seinen Thesen zu und kritisiert Studien und Personen, die ihm widersprechen nicht inhaltlich, sondern plump mit persönlichen Anschuldigungen oder behauptet gar, dass die Autoren von der Industrie gekauft wurden (Vgl. Spitzer, Manfred: Vorsicht Bildschirm. S. 256). Als Beispiel bezeichnet Spitzer die Feststellung der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB), dass die Forschungslage uneinheitlich sei, als „dreist und dümmlich-intellektualisierend.“ Zudem sei die BpB „völlig blind für die Gefahren der Bildschirm-Medien.“ Und er stellt fest: „Es stimmt sehr nachdenklich, wenn wir solchen Unfug sogar mit öffentlichen Geldern bezahlen und verbreiten.“ Nicht nur, dass Spitzer mit seiner Leugnung des wissenschaftlichen Diskurses schlicht Unfug erzählt, verbreitet er zudem mit Verweisen auf scheinbar verschwendete Steuergelder Populismus. (Vgl. Spitzer, Manfred: VorsichtBildschirm. S. 188 & 281)

Gegensätzliche Studien zu Spitzers Thesen sind nach ihm schlicht falsch, ohne dass er sich die Mühe macht, inhaltlich auf eine dieser Studien einzugehen. Irritierend ist zudem Spitzers Ansicht, dass Wahrnehmung objektiv sei (Vgl. Spitzer, Manfred: Vorsicht Bildschirm. S. 188), eine Theorie, die spätestens seit dem zweiten Weltkrieg in der Medienwissenschaft als Stimulus-Response-Modell widerlegt gilt. Oftmals befindet sich seine Argumentation nur auf Stammtisch-Niveau, wie etwa

„Die Datenlage ist eindeutig, die freiwillige Selbstkontrolle der Medien funktioniert nicht. Wann werden Politiker hierauf reagieren?“ (Vgl. Spitzer, Manfred: VorsichtBildschirm. S. 206)

Spitzer gibt aber auch keine Verbesserungsvorschläge, für die nach ihm desolate Lage. Als im Juli 2006 ein 19-jähriger einen Obdachlosen ermordete, gab er später als Grund für seine Tat an, durch das Wrestling-Videospiel SmackDown vs. Raw 2006 beeinflusst worden zu sein. Der arbeitslose Jugendliche aus zerrütteten Familienverhältnissen und mit nationalsozialistischer Gesinnung war Alkoholiker und hatte während des Spielens genug Alkohol konsumiert, um vor dem Mord bereits durch Vandalismus in eine Polizeikontrolle zu geraten, wo 1,73 Promille bei ihm festgestellt wurden. Bei der Verhandlung erklärte der Jugendliche, dass er unter Alkoholeinfluss die Kontrolle verlieren und aggressiv werden würde. Ungeachtet dessen behauptete Manfred Spitzer, der für das Verfahren als medizinischer Gutachter hinzugezogen wurde, dass das Spiel ein wesentlicher und auch strafmildernder Faktor wäre. (Vgl. Todt, Jens: Mord nach Gewaltspiel; vgl.
Jüttner, Julia: 19-Jähriger gesteht Tötung eines Obdachlosen) Indem er Medien mit gewalthaltigen Inhalten eine Schuld an solchen Aktionen gibt, entlastet er die Täter. Auch eine Grundannahme des Gerichts, dass solche Medien grundsätzlich eine negative Wirkung haben, senkt das Strafmaß, da ja ein Sündenbock vorliegt und der Täter vermindert schuldfähiger wird. Ein Teufelskreis, da immer mehr Verteidiger diese Idee aufgreifen, benutzen und damit durchkommen, wodurch sich die Theorie der negativen Wirkung von Gewaltinhalten in Medien sich noch weiter verbreitet, wie etwa aktuell auf geradezu stümperhafte Weise im Großstadtrevier.

Und deswegen ist Herr Spitzer gefährlich. Er vertritt und veröffentlicht eine extrem einseitige Sichtweise auf Mediennutzung hat die sich mit „Bildschirme schlecht“ zusammenfassen lässt. Er suggeriert wissenschaftliche Fakten, gestützt durch den Stand des Doktortitels und der Professur, wo es keine gibt und das mit einem absoluten Standpunkt, wie auch direkt zu Beginn des Interviews sehr deutlich wird:

Das ist keine Panikmache, sondern die absehbare Folge unbestreitbarer Fakten. Der wirtschaftliche Erfolg eines Landes hängt letztlich vom Bildungsniveau ab, und das Bildungsniveau steht in direktem Zusammenhang mit dem Fernsehkonsum. Der massiv gestiegene Fernsehkonsum unserer Kinder bedroht – nach allem, was wir wissen – unsere wirtschaftliche Zukunft.

Unbestreitbare Fakten? Der direkte Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und Fernsehkonsum? Der gestiegene Fernsehkonsum der Kinder?

Der Fernsehkonsum von Kindern ist laut der Studien die ich kenne seit Jahren rückläufig, ganz im Gegensatz zur allgemeinen Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen, die beständig steigt. Die „junge Generation“ stellt sich die Inhalte die sie über Medien rezipieren selbst zusammen, anstatt die vorbereiteten Inhalte des Fernsehens hinzunehmen. Und der Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und Fernsehkonsum ist einfach nur, dass der Fernsehkonsum mit dem Bildungsniveau abnimmt. Spitzer schließt daraus, dass Fernsehen dumm macht. Ich schließe: Bildungsferne Schichten schauen mehr Fernsehen. Ähnlich verhält es sich mit dem Zusammenhang zwischen Gewalt und Fernsehkonsum. Die Gruppe der bildungsfernen Menschen ist weit öfter in Gewaltverbrechen verwickelt als die bildungsnahen Schichten. Und nach Logik Spitzers muss daran ja auch das Fernsehen Schuld sein, denn immerhin schaut die bildungsferne Schicht ja mehr Fernsehen… Das ist eine bemerkenswerte Logik, die so ziemlich alle Faktoren ausklammert, die ihm nicht in diese These passen, wie etwa den Zusammenhang zwischen Einkommen und Bildung, wegen dem unser Bildungssystem seit Jahren von internationalen Studien stark kritisiert wird.

Leicht amüsant wird es dann, wenn man Christian Pfeiffer aus dem Zitatsionszirkel hinzunimmt, um das ganze zu widerlegen. 1999 identifizierte Pfeiffer in einer Studie innerfamiliäre Gewalterfahrungen, soziale Benachteiligung, schlechte Ausbildung und Zugehörigkeit zu „devianzgeneigten Cliquen“ als Ursachen für Jugendgewalt, sowie, dass die Jugendgewalt in der Realität weniger bedrohlich sei, als es sich in der Öffentlichkeit darstellen würde. Er hält fest, dass Jahrzehnte der Wirkungsforschung ergeben hätten, dass der befürchtete Nachahmungseffekt von Medien nur dann zum Tragen kommt, wenn das familiäre und gesellschaftliche Umfeld die gleichen Verhaltensweisen belohnen würde. Wenige Jahre später wurde allerdings dieser Zusammenhang zum wichtigsten Faktor. Doch dazu mehr, wenn wir zu Pfeiffer kommen…

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass Spitzer im Bereich der Mediengewalt nur mit lange widerlegten Studien, erfunden Zahlen und Holzhammerthesen argumentiert, die direkt aus seiner schwarz-weißen Welt- und Mediensicht stammen und auf Verbote hinauslaufen. Das gefährliche ist, dass man ihm zuhört. Vor Gericht, in der Politik und im Fernsehen. Und vor allem bei Pädagogen und Lehrern, die die Verantwortung für eine Erziehung zur kritischen Mediennutzung tragen.

Verbieten ist aber keine kritische Auseinandersetzung.

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7 Kommentare

  1. offebacher said,

    Wer ist der Autor von diesem TEXT?

  2. annifee said,

    Wer sinnentnehmend lesen kann ist klar im Vorteil!

    Und wer die zitierten Bücher gelesen hat, kennt auch den Zusammenhang in dem die Textauszüge stehen.

    Mein Vorschlag:
    Nochmal mit Verstand lesen und den obigen Text neu schreiben, so ist er genauso eine Schwarz-Weiß-Malerei wie es Manfred Spitzer vorgeworfen wird.

  3. Scorpio said,

    Verstand heißt nicht, dass man Herrn Spitzer Recht gibt. Sobald man seine Thesen hinterfragt und analysiert, muss man erkennen, dass sie keine Substanz haben. Die Reaktionen auf die Kritik der Mediengewaltgegner sind alleine schon interessant zu analysieren! Es ist selten, dass die inhaltliche Kritik durch eigene Angaben oder Studien widerlegt wird, bzw. dass es zu einem Diskurs und dem Vergleich von Studien kommt. In der Regel wird einfach nur angedeutet, dass der Kritisierende dumm sei, weil er nicht der eigenen, unfundierten Meinung entspricht.

  4. michel said,

    Spitzer und sein Zentrum in Ulm sind die größte Steuergelderverschwendung. Er widerlegt seine eigenen Thesen, da er eigt, dass man ganz ohne Fernsehen zum Amokläufer werden kann. De Typ sollte sich in seine eigene Psychiatrie einweisen lassen.

  5. monsen said,

    Völliger Blödsinn! Spitzer ergreift letztlich Partei für digitale Medien, indem er darauf hinweist dass es sehr ernstzunehmende Gefahren gibt sorgt er dafür dass sich mit eben diesen konstruktiv umgehen lässt. Er selbst betont jedesmal das der Computer aus seinem Alltag nicht wegzudenken sei.

  6. Helmut Maßler said,

    Ich arbeite als Sozialarbeiter in einer Kleinstadt und wir haben Jugendräume an einer Realschule. Leider sind unser Schulsozialarbeiter, der auch im Jugendzentrum mit aktiv ist und viele Lehrer und Eltern der meinung, dass alles was Herr Spitzer behauptet eine 100% bewiesenen Wahrheit ist, Wir haben einen Internetraum im Jugendzentrum und haben deshalb viele Probleme, da die genannten Personen den Umgang der Kinder und Jugendlichen mit unseren Computern und teilweise auch mit der Wii so weit wie möglich einschränken und teilweise am liebsten ganz verbieten würden. Angeblich vergessen die Schüler ja alles, was sie morgens in der Schule gelernt haben, wenn sie mittags die Computer oder Spielekonsolen benutzen.

  7. Marie said,

    Ich empfehle zu den Hintergründen der, vor Allem von Bertelsmann Konzerntöchtern voran getriebenen digitalisierung in Schulen folgende Frage zu stellen:

    Wer ist Nutzniesser im Hintergrund, bzw. wer verdient das grosse Geld damit?

    Siehe auf Englisch die FBI-Richtlinie: always follow the money!

    Sehr guter Link:

    http://www.bertelsmannkritik.de/bildung.htm

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