Verschwörungstheoretiker der Mediengewaltforschung II: Regine Pfeiffer

26. September 2010 at 14:46 (Politik, Videogames) (, , , , , , , , , , , )

Der Familie Pfeiffer kann man eine schlechte mediale Inszenierung wahrlich nicht vorwerfen! Während Christian Pfeiffer nach seiner Zeit als Justizminister von Niedersachsen als Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens tätig wurde, sicherte sich seine Schwester Regine Pfeiffer nach ihrer Tätigkeit als Lehrerin eine Tätigkeit als freie Mitarbeiterin in eben jener Institution. Zufall? Nunja, die charmante Pädagogin Ende 60 hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Welt über die Gefahren von Videospielen zu informieren. Sie ist laut Eigenaussage „Fachfrau für Computerspiele“, jedoch ohne Videospiele selbst zu spielen. Bekannt wurde sie vor allem wegen ihrer Aussage über die „Schweinefirma EA“. Dazu hatte sie in dem Blog, den sie sich hat einrichten lassen, auch noch mal etwas zu geschrieben.

Der eigentliche Grund, wieso ich etwas über Frau Pfeiffer schreiben möchte, war diese Woche der Beitrag bei FrauTV, den man inhaltlich auch hier noch einmal komplett nachlesen kann, wenn der (öffentlich-rechtlich finanzierte) Beitrag mal wieder bei Youtube gelöscht wird (wobei der Text wegen der unseeligen Praxis des Depublizierens auch vielleicht bald weg ist). Es ist beängstigend, wenn man sieht, wie sehr Frau Pfeiffer Einfluss auf die Redaktion dieses Beitrags genommen hat, bzw. wie unkritisch die Mitarbeiter(innen) den Infos von Frau Pfeiffer erlegen sind. Dabei ist das nicht so ungewöhnlich, denn Frau Pfeiffer ist  eine geschickte Rhetorikerin die im Gespräch immer sehr freundlich und engagiert wirkt. Aber sie ist auch eine alte Lehrerin und damit gewohnt, dass sie redet und kein anderer. Und das man ihr nicht widerspricht. Ich hatte nun bereits zwei mal die Gelegenheit, mich mit Frau Pfeiffer länger unterhalten zu können. Und das muss man ihr einfach auch hoch anrechnen, sie sucht den Dialog mit den Spielern (von Angesicht zu Angesicht und in Foren). Wobei man besser sagen sollte, dass sie sich gerne dazu bereit erklärt, Spielern etwas zu erklären, denn einen Dialog kann man das nicht unbedingt nennen. Auch ihre Präsentationen sind wirr und kaum zu verfolgen, da sie Powerpoint hasst, weil es „das Denken zu sehr einschränkt“. Stattdessen verwendet sie aufwändige Konstrukte, in denen sie nach Belieben herumspringen kann, um bestimmte Aspekte zu verdeutlichen, die ihr gerade durch den Kopf gehen. Dabei wird gerne von Gewalt gegen Frauen in GTA, zur Spielsucht von WoW und zur Fettleibigkeit durch Videospiele allgemein gesprungen. Für Frau Pfeiffer ist das alles ein Thema. Ihre eigene Art zu diskutieren wurde mir zum ersten mal deutlich, als ich sie während meines Praktikums bei der Games Aktuell 2009 befragen konnte (hier mein geschönter Bericht dazu) und später auch auf der gamescom 2009, wo wir sie zwischen zwei Terminen abfangen konnten.

Und meine ganze Kritik an dem Werk der Frau und ihrem Wesen wird in dem unsachlichen Bericht von FrauTV deutlich. Neben den üblichen Fehlern eines Fernsehberichts über Videospiele (Der Pate ist eine der beliebtesten Spielereihen der Welt? Heavy Rain ist kein PC-Spiel, sondern exklusiv für die Playstation 3 erschienen), kommt ein derart starker Feminismus rüber, den ich eigentlich für überstanden gehalten hatte… es wird über Gewalt gegen Frauen im Speziellen geredet und dafür wie üblich ein passender Zusammenschnitt präsentiert, der den Kontext nicht erklärt. Ich finde die Idee, dass Gewalt gegen Frauen kritischer gesehen werden sollte, als gegen andere Menschen (sprich Männer) schon ziemlich sexistisch. Unentschuldbar ist auch, dass die Szene aus Heavy Rain (nicht nur das Ende verrät, sondern auch) den Kontext der Szene nicht vermittelt. Der off-Kommentar spricht von einer besonders widerwärtigen Szenen, in der die Frau ausgeliefert ist. Was verschwiegen wird ist aber, dass der Spieler die Frau steuert und diese Szene aus ihrer Sicht erlebt, wie schon im Spiel zuvor. Es handelt sich also nicht um eine Foltersimulation für perverse Spieler wie der Bericht suggiert. Damit kommt es zu einer (bewussten) Fehlinformation des Zuschauers, der sie empfänglich für die Botschaften von Frau Pfeiffer macht, denn um nichts anderes geht es in dem Bericht. Frau Pfeiffer macht sich dieses Kunstgriff auch zu Nutze, indem sie dekontextualisierte Gewaltzusammenschnitte präsentiert, bevor sie ihre Thesen präsentiert. Es ist der „pornografische Blick“, der nur das überinterpretiert und interpretiert, was er sieht, ohne einen Zusammenhang zum Rest des Spiels bzw. der Erzählung zu setzen. Dabei wird fröhlich zwischen der fiktiven Gewalt der Videospielszenarien und der Realität gesprungen und auch die Leiterin der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien darf noch mal in die Kamera sagen, dass sie mit dem Stand der Wissenschaft nicht vertraut sind, sondern nur das lesen, was ihren Job sichert (sprich Gewalt im Spiel macht Spieler gewalttätig).

Aber zurück zu Red Dead Redemption und der Frau vor dem Zug. Es ist ein übliches Motiv in klassischen Western, das gefesselte Frauen von dem Schurken vor Züge gelegt werden, damit der Held sie retten kann. Das Achievment / die Trophäe heißt ja deswegen auch „Dastardly“, also Heimtückisch. Übrigens handelt es sich dabei um einen geheimen Erfolg. Man kann also nicht in der Liste des Spiels nachsehen und gezielt darauf hinarbeiten, dies zu erfüllen. Das tut man entweder von sich aus, oder man informiert sich gezielt über die Erfolge des Spiels, wenn man alle Erfolge haben möchte. Wobei genau dieser Erfolg auch in der Videospielszene diskutiert wurde, beispielweise in diesem Webcomic.

Was Frau Pfeiffer in dem Beitrag ja offen kritisiert, ist alleine die Möglichkeit, so etwas zu tun. Bereits in den Gesprächen bei der Games Aktuell ging es um Bioshock und das Retten, bzw. Ernten der Little Sisters, was für Frau Pfeiffer eine Metapher für Missbrauch war. So wie ich es verstanden habe, sieht sie alleine die Option auf, aus ihrer Sicht, unmoralische Entscheidungen, bereits als pervers an. Sie kritisiert also nicht mehr nur das, was der Spieler tut, sondern was er tun könnte. Graubereiche ohne ein klares Gut/Böse-Schema, in denen der Spieler selbstverständlich die Rolle des Guten übernehmen müsste, sind ihr offenbar ein Graus. Das sie allgemein Probleme mit offener Meinungsäußerung hat, wird vor allem zum Ende hin deutlich (die sinnfreien Kommentare und die dumpfe Betroffenheit der Moderatorin lasse ich bewusst aus), wenn sie über das Erziehungsprivileg der Eltern herzieht. Aber ich muss früher einsetzen, um das verfassungsrechtlich fragwürdige Meinungsbild der Frau Pfeiffer erfassen zu können. So behauptet sie, dass der deutsche Jugendschutz bewirkt habe, „dass die Spielehersteller sich frei gefühlt haben in die Spiele ab 18 […] so viel Gewalt rein zu packen, wie sie wollen.” Das ist nicht nur der absurde, germanozentristische Ansatz vieler Spielekritiker (wir erinnern uns an die Forderungen von Herstellungsverboten!), die davon ausgehen, dass es einen amerikanischen Produzenten groß interessieren würde, wie die deutschen Jugendschutzrichtlinien aussehen würden. Auch die Unterstellung, dass es das Ziel der Hersteller wäre, ein Maximum an brutaler Gewalt in ihre Spiele einzubauen, ungeachtet aller anderen Punkte ist schlicht absurd und eben nur eine Unterstellung, die eine gefährliche Bahn für die folgende Argumentation schafft.Sie beschwert sich darüber, dass der Jugendschutz an der Haustür endet und es sei eine Schande, dass den Eltern eine so schwere Aufgabe aufgebürdet wird. Auch wenn sie immer wieder betont, dass Verbote nichts bringen, was wäre die Alternative? Wenn Eltern und auch Erzieher wie sie aus der Verantwortung genommen werden, wer bleibt da? Eigentlich nur der Staat. Und wenn sie keine Verbote möchte, dann hilft wohl nur Zensur, um den „Schund und Schmutz“ aus unserer Gesellschaft zu verbannen. Übrigens nicht nur für Jugendliche, denn Frau Pfeiffer erkennt ja auch, dass Jugendliche trotzdem an die Spiele gelangen.

Ergo: Frau Pfeiffer untergräbt das verfassungsgerechte Erziehungsprivileg der Eltern und hätte gerne mehr staatliche Überwachung für mediale Inhalte. Eine äußerst gefährliche Sichtweise wie ich meine. Es ist kein Eingriff in den Jugendschutz, sondern betrifft damit vor allem Erwachsene. Wenn sie suggeriert, dass Entwickler ja ab 18 freie Hand hätten, weil die Spiele dann nicht mehr indiziert (und damit effektiv verboten) werden können, dann ignoriert sie zwei wichtige Punkte:

  1. Dürfen Erwachsene grundsätzlich tun und lassen was sie wollen, solange es nicht gegen Gesetze verstößt.
  2. Können Erwachsene das in der BRD trotzdem nicht, weil trotz 18er-Freigabe zensiert wird.

Auch die Idee, Spieleherstellern zu verbieten, so viel Gewalt zu integrieren „wie sie wollen“ ist eigentlich nur die Idee von staatlicher Kontrolle über Medien und damit nichts anderes als verachtenswert.

Insgesamt ein katastrophaler Bericht bei FrauTV, da nur die Angst vor einem „neuen Medium“ durch Frau Pfeiffer geschürt wird und sie einige demokratiefeindliche Forderungen damit verpacken kann. So nett und besorgt sie wirkt (sie sagt selber von sich, das sie keinen Kreuzzug gegen Videospiele führen würde), so gefährlich sind ihre Ansichten für eine freiheitliche Demokratie.

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