Regine Pfeiffer (Nachtrag)

21. Oktober 2010 at 00:30 (Politik, Videogames) (, , )

Gerade habe ich die Antwort von Frau Pfeiffer und ihrem Mitarbeiter in ihrem Blog gefunden. Ich hatte vor knapp einem Monat etwas zu ihr und dem Beitrag zu FrauTV geschrieben, auf den Frau Pfeiffer Bezug nimmt. Die Anmerkungen von David Klinkhammer lassen ein fragwürdiges Demokratiebild zu, aber Frau Pfeiffer gelingt wieder einmal, dass man an ihrem Geisteszustand zweifeln muss. Es ist meiner Meinung nicht mehr notwendig und vergebene Liebesmüh, ihre wirren Gedanken zu sortieren und zu kommentieren. Ihr Beitrag spricht für sich. Es beginnt bei dem extremen Sexismus und positivem Rassismus, dass sie alleine die Option kritisiert, dass man gegen Frauen und ethnische Gruppen (in diesem Fall Juden) vorgehen KANN, wobei sie die Gewalt gegen andere nicht thematisiert. Dass sie bei der Szene aus Heavy Rain davon spricht, dass es ein Skandal sei,  „dieses Bild in die Köpfe von Jugendlichen zu bringen“ zeigt ein Weltbild, das ich nur abstoßend und widerlich finde.

Möchte sie wirklich eine schöne und saubere Medienlandschaft, in der das hässliche unsere Welt, der Wahnsinn und die Verbrechen keinen Platz haben? Sollte Günther Grass‘ Katz und Maus für die Masturbationsszene eines Jugendlichen auch verboten werden? Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen oder Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque, weil sie völlig abartige Kriegsverbrechen schildern? Oh, ich vergaß. Das sind Werke der Weltliteratur und Kunst und sowieso gedruckt und damit Kultur. Wenn man als Spieler aktiv so etwas in einem Videospiel tut, findet das natürlich nicht mit dem Abstand des Rezipienten statt und dient womöglich gar nur (*gasp*!) der schnöden Unterhaltung, auch wenn es ähnliche Strukturen hat und vom Rezipienten ähnlich verstanden werden KANN. Denn dieses KANN ist in beiden Texte, sowohl vom Herrn Klinkhammer, wie auch bei Frau Pfeiffer das ausschlaggebende Element. Das KANN Jugendlichen in die Hände fallen (übrigens weit schwieriger als Bücher, die natürlich als Kulturwerke keine Jugendfreigaben haben), aber das können auch verstörende Bücher wie die oben genannten. Bisweilen werden diese ja auch in der Schule besprochen (American Psycho von Bret Easton Ellishabe ich mir erst gekauft, als mein Deutschlehrer es vorstellte und erklärte, wie widerlich es doch sei…)… ihre Argumentation zielt also darauf ab, dass etwas jugendgefährdendes aus Medien entfernt werden sollte, weil Jugendliche es dennoch erreichen KÖNNTEN. Das ist das alte Argument, dass man Steaks abschaffen sollte, weil ein Baby es nicht kauen könnte. Von Verboten von Zigaretten und Alkohol habe ich nie gehört, auch wenn Jugendliche diese (entgegen der Gesetze!) konsumieren und eine nachweislich physische Schädigung zur Folge haben. Oder Autos verbieten, weil es so viele Verkehrstote gibt. 2008 z.B. 4.477 in Deutschland, übrigens die geringste Zahl seit 1950. Hier gilt auch wieder das Spiel mit Zahlen, dass so gerne für Panikmache sorgt. 4.477 Unfalltote im Jahr in Deutschland klingt nicht so schlimm wie 12 pro Tag (abgerundet). Es ist dabei egal, ob Frau Pfeiffer wieder behauptet, dass es keine Studien gäbe, die einen monokausalen Zusammenhang zwischen Videospielen und späteren Taten nachweisen (was sie durch die direkt darauf folgende Anmerkung zu den beiden Autofahrt-Studien dann gleich ad absurdum führt und gleichzeitig auch mal wieder nicht die Studien nennt, die das exakte Gegenteil nachgewiesen haben wollen), es geht darum, dass alleine ein Zusammenhang zwischen Medien und deren langfristiger Wirkung auf ihren Rezipienten unterstellt wird. Indem man sich vom extremen Standpunkt der Monokausalität distanziert, geht man rhetorisch auf den Verteidiger der Medien zu und nimmt ihm so etwas Luft aus den Segeln, auch wenn die Grundannahme weiterhin fragwürdig bleibt. Geschickt, wenn ich auch nicht weiß, ob dies so gewollt ist.

Wir halten fest: In der Weltsicht der beiden oben verlinkten Artikel ist es okay, wenn mündigen Erwachsene Inhalte vorenthalten werden, weil die Chance besteht, dass Jugendliche diese ebenfalls rezipieren könnten und dadurch möglicherweise eine Schädigung auftreten könnte.

Was mich aber viel mehr aufregt sind Abschnitte wie: „Wer braucht so etwas?“ oder „Darüber hinaus denke ich, um etwas konkreter zu werden, dass Red Dead Redemption auch ohne die Möglichkeit (oder die Bedingung für eine Trophäe/Archievement) eine Frau gefesselt vor einen Zug zu legen ein faszinierendes Spiel wäre und niemand eine solche Funktion vermisst hätte.“ Der Tenor hier ist klar: „“Mir gefällt das nicht. Wieso lässt unsere Gesellschaft das dann zu? Wieso darfst du etwas rezipieren, was mir nicht gefällt?“ Und das finde ich undemokratisch, widerlich und verachtenswert.
Würde jemand den Penis von Michelangelos David vermissen? Wäre es ein geringeres Kunstwerk, wenn er eine Hose tragen würde? Wäre Goethes Götz von Berlichingen ein besseres Werk, wenn der folgende Satz nicht enthalten wäre? „Sag deinem Hauptmann: Vor Ihro Kaiserliche Majestät hab ich, wie immer, schuldigen Respekt. Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsche lecken!“ Könnte man bei Panzerkreuzer Potemkin von Sergei Eisenstein auf die Szene mit dem wegrollenden Kinderwagen verzichten und wäre es dann ein besseres Werk?
Die Antwort? Keine Ahnung, denn sie sind trotz oder vielleicht sogar wegen dieser Elemente enorm wichtige Kulturdenkmäler geworden, die heute tausendfach referenziert und verstanden werden.

Der Artikel von Frau Pfeiffer und ihrem Mitarbeiter demonstrieren weit besser, als ich es in irgendwelchen Beiträgen darlegen könnte, dass es nicht um die Inhalte geht, sondern um die moralinsaure Diskussion darüber, wer bestimmen darf, was in unserer Gesellschaft Kunst und Kultur ist und was nicht. Die Diskussion über eine mögliche Gefährdung von Jugendlichen verkommt dadurch zu einem Rechtfertigungsdiskurs, bei dem sich mündige Erwachsene für das, was ihnen gefällt rechtfertigen müssen.

Und darauf habe ich als mündiger Bürger eigentlich nur eine Antwort: Frau Pfeiffer, was geht sie das an, was ich in meiner Freizeit mache und gut finde?

 

Permalink Schreibe einen Kommentar

Brauchen wir die USK?

24. August 2009 at 13:36 (Politik) (, , , , , , )

Der EA-Manager Gerhard Florin hatte im Rahmen der gamescom gefordert, dass man die USK abschaffen sollte und dafür das internationale Klassifikationssystem PEGI einzuführen. Dabei fand er  er deutliche Worte: „Das ist Zensur, was wir hier machen, aber keiner beschwert sich.“ (Quelle: EA fordert Abschaffung der USK)

Interessant, dass das mal jemand so offen sagt. Rein formell führt die USK tatsächlich keine Zensur durch, aber sie forciert Zensurmaßnahmen bei den Herstellern. Vereinfacht dargestellt sagt die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle also nicht: „Diese Szenen haben wir rausgeschnitten, damit es für Erwachsene okay ist„, sondern „In der aktuellen Form können wir dem Spiel leider keine USK-18-Freigabe erteilen, da es noch ein paar Faktoren gibt, die uns stören. Das heißt nicht, dass du das jetzt rausschneiden musst. Du kannst das Spiel auch ohne USK-Logo rausbringen, aber dann könnte es sein, dass es indiziert wird und dann kannst du effektiv nichts mehr verkaufen und ruinierst dich.“ Es ist also „keine Zensur“, sondern ein Zwang zur Selbstzensur.

Überraschenderweise fühlt sich eine Partei sogar dazu berufen, zu den Äußerungen Florins Stellung zu beziehen. Die FDP schrieb:

BERLIN. Zur Forderung nach Abschaffung der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle erklären die Kultur- und Medienexperten der FDP-Bundestagsfraktion Hans-Joachim OTTO und Christoph WAITZ:

Die Forderung des Electronic Arts Managers Gerhard Florin auf der GamesCom, die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) abzuschaffen und dafür das internationale Klassifikationssystem Pegi (Pan-European Game Information) einzuführen, teilen wir nicht. Das deutsche System der regulierten Selbstkontrolle ist effektiv und weltweit als vorbildlich anerkannt. Deutschland hat weltweit die verbindlichsten Regelungen bei Prüfung und Verkauf von Computerspielen. Zur Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle gibt es keine Alternative. Denkbar wäre allenfalls, die Pegi-Einstufung als zusätzliche Klassifikation zu nutzen. Eine internationale Harmonisierung kann nur auf Grundlage der anerkannten deutschen Qualitätsstandards laufen.

Eine lustige Mitteilung! Schauen wir sie uns einmal genauer an.

Das deutsche System der regulierten Selbstkontrolle ist effektiv und weltweit als vorbildlich anerkannt.

Effektiv ja. Immerhin kommen so keine Titel in den Handel, welche die Sittenwächter als anstößig oder gar als gefährlich für Erwachsene erachten. Das Recht auf informelle Selbstbestimmung wird eh überbewertet. Und da es weltweit so verbindlich ist, haben wir ja auch so viele Nachahmer weltweit… wie begründet die FDP denn das effektivste System?

Deutschland hat weltweit die verbindlichsten Regelungen bei Prüfung und Verkauf von Computerspielen.

Ah, verstehe! Wer am härtesten prüft, der hat auch am meisten Recht! Das leuchtet doch ein!

Zur Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle gibt es keine Alternative.

Öhem, doch? Die PEGI, die weiter oben selbst von der FDP erwähnt wurde? Die Pan-European Game Information wird von ALLEN Staaten der EU verwendet. Außer Deutschland. So schlimm kann es also nicht sein.

Denkbar wäre allenfalls, die Pegi-Einstufung als zusätzliche Klassifikation zu nutzen.

Erst gibt es keine Alternative und jetzt einen Kompromiss-Vorschlag? Wie soll denn das funktieren? Die PEGI-Klassifizierung findet sich auch auf vielen Spielen, die in Deutschland verkauft werden, aber sie haben keinerlei rechtliche Aussagekraft. Und was wenn doch? Muss man dann immer die höhere Freigabe von USK und PEGI nehmen? Oder zählt im Zweifelsfall die USK-Freigabe, was den PEGI-Kompromiss null und nichtig macht?

Eine internationale Harmonisierung kann nur auf Grundlage der anerkannten deutschen Qualitätsstandards laufen.

Soso, Harmonie kann es nur geben, wenn Europa dem deutschen Weg folgt. Klingt für mich nach einer sehr gefährlichen Geisteshaltung.

Insgesamt gibt die Pressemitteilung keinerlei Argument für den Erhalt der USK, außer „Ist deutsch, ist streng, ist super!“ Außerdem gibt es kein Argument, dass gegen die Einführung der PEGI spricht. Man lässt sich ja selbst das Hintertürchen offen, PEGI irgendwie doch einzuführen, was die Meldung der FDP praktisch völlig inhaltlos und überflüssig macht. Obwohl… nicht unbedingt überflüssig, immerhin informiert die FDP offen die Medienkompetenz ihrer Medienfachleute und hilft damit bei der Entscheidung, wo man sein Kreuz setzen kann.

Es würde mich sehr wundern, wenn die anderen Parteien das ebenfalls kommentieren würden, das ist einfach nicht ihre Welt. Obwohl… die Union hat ja schon genug Angst vor der Piratenpartei, dass sie deren Wahlplakate überkleben. Danke CDU! Ihr versteckt wenigstens nicht, welche Form von Demokratie euch vorschwebt…

P.S.: Ich habe gestern auf der gamescom am Stand der USK bei ihrem Quiz mitgemacht, elf Punkte geholt und ein blaues USK-T-Shirt gewonnen. Ich rocke, trotz Ironie!

Permalink 3 Kommentare

LARP-Verbot für Dortmund!

5. April 2009 at 07:12 (Politik, Rollenspiel) (, , )

Nur kurz, zwischen den RPC-Tagen: Ich bin ja kein LARPer, aber diese Meldung hat mich heute morgen dann doch brennend interessiert. In Dortmund ist das für Kinder im Freizeitzentrum organisierte LARP „Tremonias Erben III“ vom Jugendamt der Stadt verboten worden. Der Grund: Nach dem Amoklauf von Winnenden sei man besorgt und wolle für Gewaltprävention sorgen. Die Teilaspekte des LARP, wie etwa Schwertkampf sähe man kritisch.

Diese Zensur und das Einschränken von Freiheiten für vermeintliche Sicherheit macht mich krank! Diese verdammte Bewährpädagogik der Alt-68-er… grrr… Naja, ich fahr dann mal wieder zum RPC nach Köln und schau mir den Haufen von liebenswerten und begeisterten LARPern, Rollenspielern und Zockern an.

Quelle: Jugendamt entwaffnet Ritter

Permalink 1 Kommentar

Die lustige Welt der CSU (III)

13. März 2009 at 18:55 (Politik, Videogames) (, , , , , , )

Der ein oder andere wird die erste konkrete politische Forderung einer großen Volkspartei zur Verschärfung des Jugendschutzes ja bereits gesehen haben. Hier findet ihr die Erklärung von Dr. Hans-Peter Uhl, dem innenpolitischen Sprechers der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zum Thema „Amoklauf in Winnenden. Ich zitiere einfach mal den Text meines Kollegen Patrick Portz, der aktuell seine Doktorarbeit zum Thema verfasst.

—–

Bei dem Amoklauf in Winnenden zeigt sich erneut, dass der Täter im Vorfeld seiner Tat sich intensiv mit so genannten Killerspielen beschäftigt hat.

Mal abgesehen davon, dass die Polizei definitiv nicht davon gesprochen hat, dass hier ein besonderer oder auffälliger Umgang mit entsprechenden Medien stattgefunden hätte, von intensiver Beschäftigung also nicht die Rede sein kann, ist es ja ohnehin schon ein investigatives Meisterstück, bei einem Jugendlichen Spiele zu finden. Bravo. Wenn man dann noch weiterhin mit so einem indifferenten, bis dato nicht definierten Begriff wie „Killerspiel“ operiert, dann ist glänzt das Meisterstück sogar noch, so kann man nämlich einfach je nach Bedarf jedes Spiel als „Killerspiel“ bezeichnen, ohne sich um Konflikte mit einer etwaigen, präzisen Definition herumplagen zu müssen (s.u.).

Dabei geht es selbstverständlich nicht um altmodisch-grimmiges Sittenwächtertum und nicht um Vorurteile gegen neue Formen in Spiel und Freizeit.

Selbstverständlich… der Rückschluss, es ginge um „altmodisch-grimmiges Sittenwächtertum“ und „Vorurteile gegen neue Formen in Spiel und Freizeit“ ist ja auch bei dieser Demonstration von politischer Kompetenz und der adäquaten, detailiert-multikausalen Analyse der Tat absolut absurd! Selbstverständlich ist das kein von den Tatdetails separierter affektiv-politischer Aktionismus, es ist das Resultat einer detailierten, akribischen Tatanalyse – ist ja nicht der Fall, dass man sofort nach der Tat als erste Maßnahme zur Prävention weiterer Taten die Tatdetails ignorieren und wieder Ressentiments gegen Spiele und Spieler bedienen würde, JuSchG und StGB in Bezug auf die Reglementierungen von Spielen restriktivieren wolle! NEIN! Dieser Rückschluss wäre ja eine Diffamierung der totalen Kompetenz, die hier präsentiert wird! Prohibitive Extremkonsequenzen ohne inhaltichen Konnex zur Tat, die mit etablierten Ressentiments kokettieren und argumentieren, in der Form von antiquierter Bewahrpädagogik und paternalistischer Repression (Zensur) als das Resultat von „altmodisch-grimmige[m] Sittenwächtertum“ und „Vorurteile[n] gegen neue Formen in Spiel und Freizeit“, dass ist argumentativ ja gar nicht möglich.

Eine der entscheidenden Fragen im Zusammenhang mit so genannten Killerspielen ist, wie Alterskennzeichnungen zustande kommen. In der Vergangenheit ist die Politik vor allem durch den Missstand auf den Plan gerufen worden, dass nach Expertenurteil eine hohe Zahl von Alterskennzeichnungen zu lax vergeben worden sind.

„Expertenurteil“? Es existiert eine einzige Studie, die dies kolportiert… und das ist die vom KFN. Das sind thematische Laien, die ohne plausible Argumente ein Prüfverfahren auf Basis enumerativer, aber exklusiv subjektiv interpretierbarer (und dekontextualisiert auf die Gewaltdarstellungen zentrierter) Kriterien, als vermeintliche Alternative zum Prüfverfahren der USK präsentieren und auf Basis ihres (tendenziellen, denn es fehlt z.B. die Option, dass die USK zu rigide beurteile) Prüfverfahrens kolportieren, die USK prüfe zu „lax“. D.h.: Das KFN hat die Spiele willkürlich, auf Basis der subjektiven Rezeption (unter der Illusion von Objektivität mittels enumerativer Kriterien) klassifiziert, ergo exakt das Gleiche, was die USK praktiziert. Man hat eine willkürliche Meinung mit einer anderen konfrontiert und dann die eigene als die richtige deklariert. Ja, Wissenschaft par excellence. Das sind Experten, selbstverständlich. Nicht, dass die KFN-Studie auch das Resultat der Ambitionen des Landesinnenministers Uwe Schünemann war und man das Ergebnis vor Beginn prognostizieren konnte…
Ungeachtet dessen, dass das Zitat bereits durch den Umstand inhaltslos wird, dass man bis dato diese ominösen „Killerspiele“ nicht definieren konnte. Und mit inhaltslos meine ich auch tatsächlich inhaltslos, ebenso hätte er statt „Killerspiele“ willkürlich Buchstaben zu einem vermeintlichen, nicht existenten Wort kombinieren können: Die Aussage wäre exakt die selbe.

(Anmerkung: Und hier muss ich Patrick widersprechen! Killerspiel ist ein Wort, das klare Verhältnisse schafft, da es Emotionen weckt und eindeutig negativ ausfällt. Wer den Begriff „Killerspiel“ benutzt, dem ist nicht an einer Diskussion gelegen, sondern zeigt nur seine Einstellung bzw. Unwissenheit. Eine zufällige Aneinanderreihung von Buchstaben hätte nur eine irritierende Wirkung)

Daran wird auch das reformierte Jugendschutzgesetz nichts ändern. Denn die USK behält die Auslegungshoheit und das Vorgriffsrecht gegenüber der Bundesprüfstelle: Wenn eine Alterskennzeichnung erst einmal vorgenommen worden ist, ist dieses Prüfergebnis bindend – auch die Bundesprüfstelle kann keine Indizierung mehr verhängen.

Grandios. Stellen wir doch die größte Errungenschaft des Jugendmedienschutzes seit den 1950ern zur Disposition: Die Rechtssicherheit (durch Indizierungsschutz bei erfolgreicher Altersklassifikation).
Und ignorieren wir, dass die BPjM massiv in die USK integriert ist und sämtliche Prüfurteile vom Staat bestätigt werden müssen, genau so wie wir die unzähligen staatlichen Interventionsmöglichkeiten oder direkt den ganzen Umtand ignorieren, dass es sich letztlich um ein staatliches Verfahren handelt.
Suggerieren wir doch einfach, die USK blockiere die BPjM und adaptieren damit 1:1 die Argumentation von Christian Pfeiffer, dem maßgeblichen Ideengeber der Union zum Thema „Killerspiele“.

Es ist also weiterhin möglich, dass die Bewertungskriterien der Bundesprüfstelle und der USK auseinanderklaffen.
Das von dem 17-jährigen Amokläufer favorisierte Spiel „Counter-Strike“ ist in der deutschen Version von der USK ab 16 Jahren freigegeben.

Da die Kriterien so unpräzise sind, dass die Intepretation in den jeweiligen Institutionen selbst von Gremium zu Gremium divergiert, wird es zwangsläufig Differenzen geben. Aber das ignorieren wir mal. Genau so, wie wir ignorieren, dass der Gesetzgeber den Rechtsschutz vor Indizierungen nicht grundlos implementierte, sondern auch um eine Kohärenz im Jugendschutz zu schaffen, also logische Widersprüche zu vermeiden (nach der Art, dass Zweifel am Jugendmedienschutz entstehen könnten, wenn die USK ein Spiel freigibt, die BPjM aber auf Basis der gleichen Kriterien des JuSchG das Spiel indiziert – das würde die Willkür hinter den Verfahren natürlich verdeutlichen und man müßte der Union quasi dankbar sein, wenn sie das einer breiten Öffentlichkeit präsentieren würden – tolle Idee).
Genau so, wie wir ignorieren, dass es

1. keinen adäquaten Hinweis gibt, dass der Täter Counter-Strike favourisierte, sondern maximal, dass er halt auch mal Counter-Strike spielte und das

2. hier mal schön utner den Teppich gekehrt wird, dass der BPjM ein Antrag zur Indizierung von Counter-Strike vorlag, man das Spiel aber explizit NICHT indizierte – ganz zu schweigen von dem Umstand, dass dies zu einer Zeit war, als die Prüfurteile der USK keinen Indizierungsschutz boten. Denn sonst könnte man noch auf den Trichter kommen, dass dies das denkbar schlechteste Beispiel war um das vermeintliche problem zu erläutern, dass die USK die BPjM blockieren würde.
Ach… am besten ignorieren wir diesen ganzen Abschnitt.

Die USK wird ihrer hohe Verantwortung für den Jugendmedienschutz nicht gerecht.

Die Union wird ihrer hohen Verantwortung ganz insgesamt nicht gerecht. Und nun?

Deshalb brauchen wir:
1. strafrechtlich konkretisierte Verbotsnormen
2. eine Umgestaltung der Struktur und Arbeitsweise der USK, um Herstellerinteressen zurückzudrängen und effektive behördliche Überprüfungsmechanismen zu verankern.

Wie man nach diesen Ergüssen auf Punkt 1. als notwendige Konsequenz schliessen kann, entzieht sich meinem Verständnis – jedenfalls hat das mit einer logischen, stringenten, kohärenten Argumentation nichts zu tun. Wo ist das argumentative Vorspiel für diese Forderung? Mal abgesehen davon, dass man hier mal wieder nichts davon hält, dass das Strachrecht nur ultima ratio und nicht das Mittel erster Wahl sein sollte und es entsprechende Strafnormen bereits gibt (Stichwort: § 131 StGB). Aber selbstversändlich sind die Verbotsnormen nicht konkret genug, keine Frage. Ernsthaft. Nur wir kennen ja die vergangenen Vorstöße der Union in diese Richtung, z.B. den von der CSU geplanten § 131 a StGB (Anmerkung: siehe dazu auch meinen damaligen Blogeintrag), der leider die ohnehin schwammigen und verfassungsmäßig jetzt schon mehr als nur bedenklichen Formulierungen des § 131 StGB nur noch mehr aufweichen würde. Und um eine argumentative und verfassungsrechtlich konforme Begründung der vermeintlichen Notwendigkeit neuer Verbotsnormen bemühen wir uns auch nicht – das gelingt uns ja nicht mal hier auf populistischem Stammtischniveau in Form einer Pressemeldung.
Punkt 2 ist auch unterhaltsam, wenn man z.B. bedenkt, dass die USK eine halbstaatliche Institution ist und deren Arbeit und insbesondere die letztliche Klassifikation von Spielen in staatlicher Hand ist (s.o.). Und ich frag mich, welche Herstellerinteressen die USK den so bevorzugen würde (was nebenbei bemerkt wieder auf dem Mist von Christian Pfeiffer gewachsen ist, den man hier ja ungenannt sinngemäß laufend zitiert). Die Hersteller spielen bei jeder Prüfung russisches Roulette – ja, klingt sehr zuvorkommend. Die USK kann ja nicht mal (entgegen landläufiger Meinungen) einem Betroffenen Tipps geben, wie er welche Inhalte verändern müßte, um entsprechende Klassifikationen zu erhalten, weil auch USK-insider nicht wissen, welches Gremium für die jeweilige Prüfung zuständig sein wird, geschweige denn die Urteile der Einzelmitglieder im jeweiligen Einzelfall prognostizieren könnte. Aber das ist ein wohl zu komplexes Problem, kolportieren wir einfach weiter diffamierenden Unsinn…

Die Unionsparteien sind unwählbar. Punkt. Ausrufezeichen.

—-

Soviel von Patrick, danke dafür!

Das der Kampf gegen die Dummheit und Engstirnigkeit gerade erst wieder anfängt, zeigt auch der Artikel von Malte Lehming im Tagesspiegel.

Tim K. war depressiv und zeitweise in psychiatrischer Behandlung. Aber Depressionen allein produzieren noch keinen Massenmörder. Auch für Waffen und gewaltlastige Computerspiele hatte Tim K. eine Vorliebe. Das gilt inzwischen als bestätigt. Mithin wird die Diskussion darüber neu entfacht. Zu hoffen ist, dass sie ernster und konsequenter geführt wird als in der Vergangenheit. Denn es ist erwiesen: Killerspiele am Computer fördern aggressives Verhalten bei Jugendlichen. Was fehlt, sind zwar Studien über die Auswirkungen einzelner Spiele, also die so genannten „spielespezifischen Informationen“. Aber daraus zu schließen, dass die Gefährlichkeit solcher Spiele generell nicht bewiesen sei, wäre falsch. Gestritten wird unter Wissenschaftlern lediglich noch über die Höhe des negativen Effekts.

Nein, das ist falsch. Einfach falsch. Dazu kann ich nicht einmal Zitate oder Quellen bringen, denn die einzigen „Fachleute“, die so etwas behaupten, begründen das nur mit eigenen Erfahrungswerten und dem Ausschlussverfahren, da anderslautende Meinungen ja „von der Industrie“ gekauft seien.

Ein häufig gehörtes Gegenargument lautet: Tausende von Jugendlichen spielen solche Spiele, ohne zu Amokläufern zu werden. Das stimmt. Und es stimmt auch: Weder Depressionen, noch Liebeskummer, Geltungsdrang, unterdrückte Aggressionen oder Mobbing allein erklären einen Massenmord. Doch Killerspiele verhalten sich zu späterer Aggression wie das Rauchen zum Lungenkrebs: Es ist ein statistischer Zusammenhang, keiner, der auf jedes Individuum zutrifft.

Ah, der klassische Vergleich zwischen Rauchen / Lungenkrebs und Videspielen / Gewalt. Das letzte Mal beim unsäglichen „Vorsicht Bildschirm!“ von Manfred Spitzer. Herr Lehming versteht leider wie die meisten Videospielkritiker nicht den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität.Ich versuche es hier noch mal zu erklären. Eine Korrelation besteht, wenn zwei Werte zusammenhängen, wie etwa Frühling und die Rückkehr der Zugvögel aus dem Süden. Eine Kausalität ist, wenn es zwischen den korrelierenden Faktoren einen kausalen, also ursächlichen, Zusammenhang gibt. Im Beispiel wäre das etwa, dass die Zugvögel im Frühling zurückkehren, weil es dann bei uns wieder wärmer wird. Ein Faktor bedingt den anderen. Es ist nicht möglich, die Faktoren auszutauschen, also etwa zu sagen, dass es Frühling wird, weil die Zugvögel zurückkehren. Das würde bedeuten, dass es beim Ausbleiben von Zugvögeln keinen Frühling mehr geben würde.

Jetzt zu behaupten, dass es einen kausalen und zeitlich überprüfbaren Zusammenhang zwischen Videospielen und Gewalt gäbe ist falsch. Beim Rauchen findet eine klar messbare körperliche Schädigung statt, die zur Erkrankung führt. Es gibt in einigen Studien Korrelationen zwischen Nutzern gewalthaltiger Medien und realen Agressionen. Die Kausalität ist aber nicht geklärt! Es kann bedeutet, dass gewalthaltige Medien zu Aggression verleiten. Es kann aber auch heißen, dass Menschen, die zu aggressiven Verhalten neigen, eher gewalthaltige Medien konsumieren. Es kann aber auch heißen, dass Menschen, die in ihrem Leben Gewalt erfahren haben, diese als normal ansehen und in Medien wie im sozialen Leben anwenden. Das Thema ist viel zu komplex, um sich zu solchen Aussagen hinreißen zu lassen. Zumal es eher Millionen von Jugendlichen gibt, die gewalthaltige Medien, darunter natürlich auch Videospiele, konsumieren. Selbst wenn es einen wie von Herrn Lehming behaupteten, statistischen Zusammenhang zwischen dem Konsum von violenten Spielen und der daraus folgenden realen Gewalt gäbe, so wäre dieser so verschwindend gering, dass er irrelevant ist.

Und statistisch betrachtet ist es so: Bei der virtuellen Gewalt lernen Jugendliche, dass Brutalität belohnt wird, etwas Gutes ist. Entsprechend werden Endorphine ausgeschüttet, Glückshormone. Derart konditioniert verhalten sich die späteren Amokläufer bei ihrer Tat. Die Fähigkeit zum Mitleiden wurde ihnen virtuell abtrainiert. Es ist kein Zufall, dass Killerspiele ursprünglich in Militärkreisen entwickelt wurden, um Soldaten emotionsloser, sprich: effektiver, zu machen.

Es ist sehr viel falsch in diesem kurzen Abschnitt. Zum einen unterscheidet Herr Lehming nicht zwischen Fiktion und Realität. Wenn man im Spiel Gewalt anwendet, um im Spiel voranzuschreiten, so wird man im Spiel dafür belohnt. Wenn man in der Realität Gewalt anwendet, so wird man bestraft. Der Sprung zwischen Realität und Fiktion ist für jeden nicht labilen Menschen klar ersichtlich. Wenn man Herrn Lehmings Argumentation weiterspinnen würde, dann würde meine Mutter etwa dadurch ihre Erfüllung finden können, indem sie in der Realität bunte Kugeln auf eine Bahn schmeißt, in der andere bunte Kugeln umherlaufen, die sich auflösen, sobald mehr als drei hintereinanderliegen. Absurdes Beispiel? Nicht wirklich absurder als die Vorstellung, dass man beim realen Töten eines Menschen Freude empfindet, nur weil man vorher Dämonen mit einem Plasmagewehr auf dem Mars getötet hat.

Der nächste Punkt ist die Behauptung, dass gewalthaltige Videospiele die Empathiefähigkeit blockieren würden, also dass das Empfinden von Mitleid reduziert werden würde. Ich habe das bei meiner Tätigkeit in der Freiwilligen Feuerwehr mehr als einmal gewünscht, doch leider haben mir die Abertausenden erschossenen Terroristen, Klone, Verbrecher, Zombies und Elitesoldaten nicht geholfen. Diese Abstumpfung wird in Fachkreisen als „Habituationsthese“ bezeichnet. Die Mehrzahl der Forschungsbefunde zeigt, dass mediale Gewalt zu keiner Abstumpfung gegenüber realer Gewalt führt, sondern höchstens zu einer Gewöhnung an mediale Gewalt. Die Gründe dafür finden sich in der Wahrnehmungspsychologie. Ein neuer Reiz wird besonders intensiv aufgenommen und verarbeitet, da man sich eventueller Gefahren noch nicht bewusst sein kann. Bei wiederholter Darbietung des Reizes erkennt man dessen  ngefährlichkeit und reagiert entsprechend abgeschwächt, bis der Reiz ausbleibt. Dass viele Studien von der medialen Gewöhnung ohne weitere Argumentation auf eine Gewöhnung an reale Gewalt ist kein Beweis, sondern schlicht unwissenschaftlich.

Der letzte aber ebenso falsche Punkt des Abschnitts ist die Legende, dass „Killerspiele“ in Militärkreisen entwickelt worden wären. Das amerikanische Militär hat mit Videospielen trainiert, musste jedoch feststellen, dass Menschen zwischen virtuellen und realen Personen unterscheiden können und bestehende Hemmschwellen nicht durch das Spielen abgebaut wurden. Vielmehr werden Videospiele zum Einüben von Gruppentaktiken, zum Erlernen von Drohnensteuerungen oder dem Erstellen von Gefechtskarten genutzt. Egoshooter können als Training für Anfänger hilfreich sein, aber niemals das Schießen mit scharfer Munition ersetzen.

Computersimulationen sind jedoch weit kostengünstiger als reale Übungen, bei denen es zudem häufig zu Verletzungen kommt. (Vgl. Heuser, René: Krieg spielen; in: GameStar 04/2008. IDG Entertainment Media GmbH: München 2008. S. 132 – 135.) Es ist aber korrekt, dass das Militär beispielsweise seit einigen Jahren das Spiel „Americas Army“ einsetzt, um neue Rekruten zu werben. Allerdings wurde bei diesem Spiel darauf geachtet, möglichst wenig blutige Gewalt einzubauen, da man die Freigabe „Teen“ anstrebte und potentielle Rekruten auch nicht abschrecken wollte. Afkar Media, eine syrische Firma aus Damaskus, die sich auf Videospiele mit islamischem Standpunkt spezialisiert hat, veröffentlichte den Egoshooter tahta al-hisar – under siege, bei dem man in Palästina gegen israelische Angreifer kämpft. Auf der Homepage der Entwickler wird explizit darauf hingewiesen, dass man nur gegen militärische Ziele und nicht gegen Zivilisten vorgeht. Des weiteren würden keine Selbstmordattentate oder andere terroristische Aktionen Bestandteil des Spiels sein. Egoshooter sind also keineswegs von Militärs entwickelt worden, werden aber auch von diesen, wie jede andere Medium auch, für Werbung / Propaganda eingesetzt.

Eine Ausweitung des Verbots von interaktiven Computer-Gewaltspielen muss Kosten und Nutzen abwägen. Natürlich lassen sich solche Verbote relativ leicht umgehen, aber nach dieser Logik müssten auch Ladendiebstahl und der Alkoholkonsum Minderjähriger erlaubt sein. Einmal andersherum gefragt: Was spricht für solche Spiele, abgesehen von dem „Kick“? Nichts, rein gar nichts. Jugendliche dürfen nicht wählen, keinen Joint rauchen, keinen Wodka trinken, aber sie dürfen am Computer lernen, wie man wehrlose Menschen hinrichtet? Das darf nicht sein, das darf nicht länger wahr sein!

Und hier verlässt Herr Lehming endgültig den fachlichen Teil seines Artikels und gibt nur noch seine unfundierte Meinung kund. Es beginnt, mal wieder, mit dem Vergleich von Videospielen mit Ladendiebstahl und Alkoholkonsum, um zu verdeutlichen, dass Videospiele nichts erstrebenswertes sind. Derartig emotional vorbelastet kann sich der Leser dann weiter im Abschnitt direkt der rhetorischen Frage stellen, was überhaupt für solche Spiele sprechen würde, außer dem eigentlich noch nicht erwähnten „Kick“. Es bleibt unklar, was dieser „Kick“ sein soll, denn Herr Lehming hat ihn im ganzen Artikel nicht erwähnt. Damit bleibt er sogar schuldig, was überhaupt an diesen Spielen interessant sein könnte. Es wird nicht einmal mehr der Zweifel gelassen, dass diese Spiele eine Existenzberechtigung hätten. Das macht er ja auch mit „Nichts, rein gar nichts“ noch einmal sehr deutlich. Man kann nun einwerfen, dass Videospiele, auch gewalthaltige, bilden, unterhalten, bewegen, begeistern, erschrecken und aufregen können, ebenso wie jedes andere Medium auch. Herr Lehming beendet seinen Artikel dann mit einem Fehler, der leider nur allzu offensichtlich ist. Ja Herr Lehming, Jugendliche dürfen weder wählen, noch kiffen, noch Spirituosen zu sich nehmen… sie dürfen aber auch nicht Videospiele spielen, die erst ab 18 freigegeben sind. Einige tun es aber trotzdem. Genauso wie kiffen und Saufen. Wenn man nun der Argumentation von Herrn Lehming folgen würde, dann müsste man ja auch Alkohol verbieten. Damit ergreift der Autor die Argumentation, die er noch zwei Sätze vorher verurteilt hat. Abschließend gilt es noch zu sagen, dass man am Computer nicht lernen kann, wehrlose Menschen hinzurichten. Denn diese sind virtuell. Reale Menschen nicht.

Und traurigerweise scheinen das nur die Spieler zu verstehen.

—–

Inzwischen gibt es auch eine Gegendarstellung des Bundesverbandes Interaktive Unterhaltungssoftware e.V. (BIU) zum Amoklauf. Der Ton der Pressemitteilungen der BIU ist meines Erachtens mit jeder Verbotsforderung schärfer geworden, was ich gut nachvollziehen kann. Der BIU befindet sich leider in der Situation, vor allem defensiv aktiv zu werden und Videospiele sowie das bestehende Jugendschutzgesetz zu verteidgen.

Permalink 2 Kommentare

Das blutige Karussell dreht sich wieder

12. März 2009 at 22:49 (Politik, Videogames) (, , , , , , , , , , , , , , , , )

Und wieder ist es geschehen. Ein sozial isolierter, junger Mann mit Zugriff auf Waffen will mit der Gesellschaft abrechnen und tötet Menschen, sei es nun wahllos oder gezielt. Und sieben Jahre nach Erfurt und zweieinhalb Jahre nach Emsdetten beginnt wieder das gleiche, das exakt gleiche, Karussell sich zu drehen. Ein Karussell aus Monokausalitäten, Verbotsforderungen, reißerischer Berichterstattung und bisweilen extrem schlechter Recherche.

Was ist geschehen? Um halb zehn morgens am gestrigen Tage (12.03.09) betrat der 17-jährige Tim K. seine ehemalige Realschule in Winnenden bei Stuttgart. Er war bewaffnet mit einer Pistole und mehr als 200 Schuß Munition, die er seinem Vater entwendet hatte, der mehr als ein Dutzend Waffen zu Hause aufbewahrte. Er tötete acht Schülerinnen, einen Schüler und drei Lehrerinnen, wonach er ein Auto entführte und den Fahrer laufen ließ. Auf der Flucht tötete er drei weitere Personen, bevor er sich nach einem Schusswechsel mit der Polizei selbst tötete.

Auffällig ist die hohe Zahl an weiblichen Opfern sowie die hohe Präzision, mit welcher der Täter schoss. Viele der Opfer starben durch Kopdschüsse, was auf eine hohe Kompetenz von Tim K. Im Umgang mit der Schusswaffe hindeutet.

Ein Motiv des, offenbar wegen Depressionen in Behandlung befindlichen, Täters ist aktuell noch unklar, weswegen wir zum eigentlichen Grund für meinen Eintrag kommen: dem blutigen Medienkarussell.

Wieder einmal gilt mein Dank der Spielkultur-Liste, die sachlich und fundiert über das Thema diskutiert.

Sind Amokläufer Helden?

Die Medien geben sich große Mühe, vor allem über die Täter zu sprechen und jedes Fitzelchen an Information aus ihrem Leben zusammenzutragen. Interessanterweise hat sich dadurch ein regelrechter Kult um Amokläufer gebildet, begonnen mit den beiden Maßenmördern aus Littleton, die am 20.04.1999 in ihrer High School ein Blutbad anrichteten. Der Amokläufer von Blacksburg wie auch der von Emsdetten hatten vor ihren Taten in Abschiedsvideos explizit auf die beiden Amokläufer von der Columbine Hight School verwiesen. Seung-Hui Cho, der Attentäter von Blacksburg, bezeichnete die beiden als Märtyrer, Sebastian Bosse, der Attentäter von Emsdetten, gab an, dass das Attentat an der Columbine High School in Littleton sein Leben nicht nur verändert habe, sondern dieses Ereignis zu seinem Leben geworden wäre. Auch der Amoklauf in Alabama, der in der Nacht zum Tattag stattfand, könnte sich verstärkend auf den Entschluss von Tim K. ausgewirkt haben.

Diese Berichterstattung verwundert, da es etwa zur Berichterstattung von Selbstmorden beispielsweise im deutschen Pressekodex Richtlinien (siehe Ziffer 8, Richtlinie 8.5) gibt, um Nachahmungstaten zu vermeiden, da die Zahl der Nachahmungstäter mit der Intensität der Berichterstattung steigt. Je bekannter der Selbstmörder war, desto mehr Individuen versuchten sich ebenfalls an einem Selbstmord, wobei reale Selbstmorde mehr Nachahmer finden, als Selbstmorde von fiktiven Charakteren etwa aus einer Fernsehserie. Wichtig ist ebenfalls, dass sich der Nachahmer mit dem Selbstmörder identifizieren kann, wie etwa durch Alter, Geschlecht oder Werdegang, wobei sich jüngere Individuen eher zur Nachahmung eignen, als ältere. Dieser sogenannte „Werther-Effekt“ ist nicht unumstritten, da die Wirkung der medialen Selbstmordes nur bei sehr wenigen Personen und nur unter bestimmten Bedingungen zum Tragen kommt.

Das scheint mir sehr analog zum Amoklauf, bzw. deren medialer Wirkung. Hier sollte man gegebenenfalls nachbessern. Allerdings bringt das nur etwas, wenn alle mitmachen.

Schauen wir uns einmal die Berichterstattung zum Fall an.

BILD eben

Heute zeigte die BILD auf der Titelseite ein unverpixeltes und großes Foto des Täters unter der Überschrift „Der Tag des Blutbades“. Nachdem erste Versuche des investigativen Journalismus gescheitert sind (übrigens auch bei Kollegen), hat die BILD es dann doch noch geschafft, möglichst große, martialische und blutige Bilder aufzutreiben.Wobei es neben BILD auch Spiegel Online, Bildblog, und diverse andere auch hier verlinkte Nachrichtenvermittler es nicht geschafft haben, die Bilder von Tim K. zu anonymisieren. Bild legt aber noch einen drauf und präsentiert neben dem vollen Namen des Täters die letzten Minuten seines Lebens als Video (erstmals exklusiv auf RTL!). Tja, was habe ich damals über die zynische Beschreibung von Live-Selbstmorden in Cybperunk-Romanen gelächelt… Cyberpunk ist eben von der Realität fast komplett eingeholt worden. Die Reality-Show mit Gewalt! Ich könnte kotzen

Aber es wäre kein Amoklauf in Deutschland, wenn es nicht viele Leute geben würde, die bereits Ursachen gefunden haben wollen, während die Polizei noch nicht einmal begonnen hat zu ermitteln. Getroffen hat es vor allem wieder die „Killerspiele“. Dabei dauerte es nicht einmal bis zum Tod des Amokläufers, bis das Schlagwort bzw. „Ballerspiele“ das erste mal fiel. So die Süddeutsche Zeitung:

Kultusminister Helmut Rau (CDU) sagte unter Berufung auf die Schulleiterin, bei dem Amokläufer habe es sich um einen völlig unauffälligen Schüler gehandelt. Er habe seinen Schulabschluss gemacht und dann eine Ausbildung angefangen. „Er ist nie auffällig gewesen“, sagte Rau. Eine ehemalige Mitschülerin von Tim K., sagt hingegen unter Tränen: „Tim war schon immer sehr verschlossen. An den ist niemand rangekommen. Er hat immer nur so Ballerspiele gespielt.“

Und das war so etwas wie die Initialzündung, der bald andere Medien folgten. Hatte es noch mit der mantrartigen Beschreibung des „schwarzgekleideten Täters“ angefangen, steigerte sich die Berichterstattung. Ist auch ein bequemer Weg, denn Waffenmissbrauch wäre ein gesellschaftliches Problem in einem Land, in dem Schützenvereine eine lange Tradition haben. Videospiele hingegen sind ja für viele  nach wie vor Zeitverschwendung und ein rotes Tuch, immerhin hatten ja auch andere Amokläufer solche Spiele gespielt. Und dann schließt sich ein sehr gefährlicher Teufelskreis aus unsachlicher Berichterstattung, der verzweifelten Suche nach Inhalten und Erklärungen sowie Popoulismus. Dabei ist auffällig, dass das inzwischen acht Jahre alte Counter-Strike nach wie vor als DAS Ballerspiel gilt.

Das zuerst in praktisch allen Medien zu lesen war, dass der Täter seine Tat im Internet angekündigt hätte, stellte sich leider nicht so schnell als bewusst herbeigeführte Täuschung heraus. Damit ist dies ein weiteres trauriges Element der möglichst schnellen, aber wenig fundierten „Tatsachenverbreitung“, die sich bei Amokläufen immer wieder findet. Die Berichterstattung nach den Taten muss sehr oft nachgebessert oder komplett korrigiert werden. Der Autor dieses Artikels über den Amoklauf von Emsdetten stellte inzwischen sogar traurig fest, dass er seinen Bericht mit ein paar Änderungen bei Orten und Namen neu veröffentlichen könnte…

Einfache Antworten und Selbstdarstellungen

Was Herr Schäuble, unser Innenminister dann verlauten ließ, sorgte zuerst für Unglauben:

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble hat im tagesschau-Chat betont, der Grund für den Amoklauf in Baden-Württemberg sei „nicht der Waffenbesitz“ gewesen. „Wir wollen privaten Waffenbesitz nicht gänzlich verbieten“, so Schäuble. „Wir haben ja ganz strenge Begrenzungen.“ Und auch die strengsten Vorschriften könnten nicht verhindern, dass dagegen verstoßen werde. Man dürfe nicht glauben, der Grund für das „schreckliche Geschehen“ sei privater Waffenbesitz.

Das eigentliche Problem seien vielmehr die Gewaltdarstellungen. Deswegen sei seiner Ansicht nach nun nicht der Staat gefordert, schärfere Gesetze zu erlassen. Das würde Freiheiten einschränken. Vielmehr stelle sich die Frage, wie wir mit diesen Freiheiten umgehen, sagte Schäuble: „Wenn durch Killerspiele solche Mechanismen in jungen Menschen aktiviert werden: Machen wir von unserer Freiheit in Zeiten moderner Medien nicht einen zu exzessiven Gebrauch?“

Nun hat sich Herr Schäuble in der Vergangheit nicht unbedingt als liberaler Verfechter von freiheitlich-demokratischen Grundgedanken geäußert, trotzdem halte ich diese Äußerung nicht nur für bedenklich, sondern für gefährlich.

Es ist für Herrn Schäuble also ein Ausnutzen der demokratischen Freiheit, wenn man Videospiele spielt, in denen man mittels Waffen Gewalt in einem virtuellen Raum ausüben kann, jedoch absolut mit der demokratischen Freiheit vereinbar, wenn jemand mehrere reale Waffen im Haus hat? Hier zeigt sich wieder eine sehr fragmentierte Liberalität einiger Unionspolitikern bezüglich Schusswaffen, wie damals etwa bei Beckstein oder Schünemann. Hierzu wiederhole ich auch gerne das Zitat Becksteins (Hervorhebung durch mich):

“Der Entwurf aus Berlin zum neuen Waffenrecht ist unübersichtlich, in Teilen sogar unverständlich und enthält unvertretbare Belastungen für Jäger, Sportschützen und Sammler sowie für Behörden. Vor allem lässt sich damit nicht die Innere Sicherheit erkennbar verbessern. Dieses pauschale Misstrauen gegenüber legalen Waffenbesitzern, insbesondere von Jägern, Sportschützen und Sammlern, ist vollkommen verfehlt und absolut inakzeptabel ist. Gerade illegale Schusswaffen haben doch eine immer größere Bedeutung bei Straftaten, sind also das weit größere Problem für die Innere Sicherheit. Vor allem für den Missbrauch von Schusswaffen insbesondere durch Jugendliche gibt es ein ganzes Bündel anderer Ursachen als den legalen Waffenbesitz. Dazu zählt etwa der unkontrollierten Konsum von gewaltverherrlichenden und schwer jugendgefährdenden Videofilmen und die Beschäftigung mit sogenannten Killerspielen, die in menschenverachtender Weise Todeshandlungen am Mitspieler simulieren. Bayern wird deshalb die Neuregelung zum Waffengesetz in der derzeitigen Fassung ablehnen, sofern nicht umfangreiche Änderungen erfolgen,” kritisiert Bayerns Innenminister Dr. Günther Beckstein den Gesetzesentwurf.”

Eine Forderung nach härten Waffengesetzen ist mir auch zu kurzfristig und wird der Komplexität der Tat und deren Hintergründe nicht gerecht. Wobei ich es fraglich finde, wieso in einem Staatsystem, bei dem die Gewalt eigentlich nur vom Staat ausgehen darf, überhaupt der Besitz von Schusswaffen für Privatpersonen erlaubt ist. Klar, Menschen töten Menschen. Waffen sind nur die Werkzeuge dazu. Doch welches begründetes Interesse kann ein Mensch haben, Werkzeuge zu besitzen, die nur dafür geschaffen werden, anderen Menschen Leid zuzufügen?

Irgendwo hat man auch wieder Helmut Lukesch ausgegraben, der in der wissenschaftlichen Welt der Mediengewaltforschung durchaus kein Unbekannter ist. Leider nicht im positiven Sinne, wie das Interview mit dem Mann mehr als deutlich zeigt. Alleine sein Verweis auf Grossman beweißt bereits, dass man an ihn als Wissenschaftler nicht ernst nehmen kann. Kleiner Einschub: Grossman ist ehemaliger Militärpsychologe und in Amerika sehr gefragt, da er schwierige Zusammenhänge leicht erklären kann. So ist eine seiner Behauptungen etwa, dass wir in der gewalttätigsten Gesellschaft leben würden, welche die Welt jemals gesehen hat und das es nur aufgrund der modernen Medizin so wenig Todesopfer geben würde. Grossman behauptet weiterhin, dass in der gewaltigen Zahl von Studien über die Wirkung medialer Gewalt nur eine Handvoll nicht von der Industrie gekauft worden seien und keinen Zusammenhang festgestellt hätten. Aus dieser Erkenntnis fordert er die Einstellung der Forschung in dem Bereich und die Akzeptanz, dass ein Zusammenhang zwischen violenten Medien und realer Gewalt besteht. Er gehört im übrigen auch zu denjenigen, die alle Studien, die seiner Meinung zuwider laufen als „von der Industrie gekauft“ bezeichnen. Doch genug zu Grossman. Wieviel man von Lukesch als Wissenschaftler halten kann, zeigt der folgende Abschnitt

Wie kann das die Gesellschaft verhindern?

Es ist kein kultureller Verlust, wenn dieser ganze Schrott verschwindet und solche Computerspiele vom Markt genommen werden. Spiele können natürlich auch unterhaltend sein. Es gibt tolle Sport- oder Jump-and-run-Spiele, die auch sehr actionreich sein können, ohne dass man gleich jemanden umbringt. Für die Computerspielindustrie ist es an der Zeit, sich von den aggressiven Spielen zu trennen und diesen menschenverachtenden Schrott nicht mehr zu verbreiten. Es sollte in der Gesellschaft geächtet werden, wenn jemand mit solchen Spielen Geld verdient.

Das ist nichts anderes als das Aufzwängen persönlicher Ansichten und die generelle Verteufelung von Videospielen, die Gewalt enthalten. Von fundierter Kritik liest man hier nichts. Jedoch äußert sich Lukesch am Ende des Interviews sogar etwas versöhnlich:

Aber es gibt ja auch Jugendliche, die das Spielen von Ego-Shootern als Sport begreifen. Was ist mit denen?

Da würde ich die Parallele zu den Liebhabern von Horrorfilmen sehen: Da gibt es auch viele Zuschauer, die solche Filme aus cineastischen Gründen anschauen und auf Schnitte und Spezialeffekte achten. Diese Menschen verarbeiten das Gesehen kognitiv ganz anders. Sie tauchen nicht komplett in die Story ein. So wird das auch bei den Extremspielern sein.

Da er hier festhält, dass die Wirkung von Medien vom Rezipienten abhängt und es keine einseitige Wirkung durch das Medium gibt, erübrigt sich seine Verbotsforderung aus dem obrigen Zitat und das ganze wackelige Argumentenkonstrukt bricht durch ihn selbst zusammen.

In einer fast schon grotesken Episode der Selbstdarstellung präsentiert sich Thomas G. Hornauer, der in einem Interview in einer Kirche einfach mal dreist minutenlang im Bild stehen blieb.

Hart aber Fair?

Ist es nicht schon etwas zynisch und anmaßend, noch am gleichen Tag des Amoklaufs zu einer Diskussionsrunde zu laden und die möglichen Hintergründe zu diskutieren? Die Sendung war eigentlich erstaunlich differenziert, zumindest wenn man die ältere Sendung zum Thema gesehen (und darüber erbost gebloggt hatte, wobei sich Herr Plasberg im Nachhinein ja für diese Sendung entschuldigte) hatte. Immerhin hatte man diesmal Spieler zur Diskussion geladen. Einen sichtlich überforderten Schülersprecher und einen Spieleredakteur gegen einen Bundespolitiker und einen Professor mit hervorragender rhetorischer Befähigung antreten zu lassen, ist aber auch eher tendenziell. Die Pychologin kam mir eigentlich durchgängig zu kurz, obwohl sie die Person gewesen wäre, die wohl aufgrund ihres Berufes am ehesten fundiert zum Thema hätte sprechen können. Die beiden Spieleverteidiger hatten jedenfalls keine Chance gegen die Politiker anzukommen, auch wenn diese sich bemerkenswert zurückgehalten haben. Gerade Pfeiffer fiel mal wieder dadurch auf, dass er genau das sagen und vermitteln kann, was man gerade dann hören möchte. Seine widersprüchlichen Aussagen zum Thema Gewaltmedien in den letzten Jahren sind beinahe eine eigene Publikation wert. Ein Highlight war für mich auch der Hinweis von Bosbach zu den Bäumen („Muss ich ein Baum sein, um mich für den Schutz des Regenwaldes einzusetzen?“), als der Spieleredakteur fragte, ob der Politiker schon mal so ein Spiel gespielt habe. Großartig! So zieht man das Publikum auf seine Seite und diffamiert den Gegner in der Diskussion! Das Plenum hat gut gelacht und applaudiert, als er diesen „seltsamen, liberalen Spieleliebhaber“ in seine Schranken verwiesen hat. Leider hatte der Spieleredakteur in der Sache durchaus Recht, es ist etwas ganz anderes ein Videospiel zu spielen oder es sich anzuschauen. Viel geistreicher gab es sonst leider nicht, da auch Herr Plasberg parteiisch wirkte und auch wieder Medieninhalte aus dem Zusammenhang gerissen präsentiert wurden. Zudem scheinen sich Videoberichte über jugendliche Testkäufer tatsächlich zu etablieren, um die Schwächen im Jugendschutzsystem aufzuzeigen und härtere Strafe fördern zu können. Aber halt! In Deutschland herrscht kein Gesetzesdefizit, sondern ein Vollziehungsdefizit. Die bestehenden Jugendschutzgesetze sind ausreichend, nur greifen sie nicht immer. Meine Nachfragen in örtlichen Videospielketten und Elektronikläden zeigten, so unempirisch mein Eindruck auch ist, eher, dass die Gesetze eingehalten werden.

Es gilt mal wieder zu erwähnen, dass gerade Herr Pfeiffer immer wieder betont, dass der Videospielkonsum und der Gewaltgrad der konsumierten Spiele sich antiproprtional zur Bildungsschicht der Rezipienten verhält. Das heißt: je niedriger der Schulabschluss des Elternhauses und des jugendlichen Spielers, desto öfter spielt er, gerade brutale Spiele. Auffällig ist aber, dass „Amokläufe“ an Schulen, nur in den höheren Schulformen von der Realschule bis zur Universität stattfinden. Das wurde jedoch ebensowenig hinterfragt, wie etwa Pfeiffers Aussage, einen Tag nach dem Amoklauf in Blacksburg

„Wer töten will, wird es immer schaffen, an Waffen heranzukommen. Größere Sorge bereitet mir, dass sich vor allem männliche Jugendliche systematisch desensibilisieren durch Computerspiele, die solche Tötungsarien vorzeichnen. Die Mehrheit der jüngeren Amokläufer hat sich erst am Computer in Stimmung geschossen. Ich plädiere deshalb bei gewaltverherrlichenden Killerspielen für ein Werbe- und Verkaufsverbot.“

Diese Urteile hatten keinerlei Grundlage, da zu dieser Zeit fast keine Informationen über den
Täter bekannt waren. Die Behauptung konnte später sogar völlig entkräftet werden, als man
beim Täter keinerlei Videospiele finden konnte. Dass der Täter 2005 freiwillig eine
Psychiatrie aufsuchte, fand zu diesem Zeitpunkt keine Erwähnung bei der Suche nach der
Ursache des Attentats. Doch dies nur nebenbei, um zu Betonen, welchen Stellenwert Herr Pfeiffer auf argumentativer Ebene, trotz sehr guter rhetorischer Kenntnisse, hat.

Interessant war auch, dass Herr Plasberg seinen Gästen kein Schlußwort zugestand, sondern dies durch einen Einspieler aus der Rede Johannes Raus zu einem anderen Amoklauf überließ, der in etwa aussagte, dass man sich nicht auf  scheinbar naheliegende Begründungen verlassen oder  so tun sollte, als ob man die Tat verstünde. Man versteht sie nicht. Eigentlich ist das ja eine Verhöhnung der vorher gelaufenen, einstündigen Diskussion…

Insgesamt geht die Diskussion leider wieder nicht über Stammtisch-Niveau hinaus. „Die Schule muss…“, „Die Gesellschaft muss…“, „Wir müssten…“ und dann kommt nichts mehr ist die differenziertere Seite. Die lautere und einfachere ist der Ruf nach Verboten von Videospielen oder Waffen.

Und nun?

Das gewohnte nehme ich an. Es wird vielleicht Änderungen am Waffenrecht geben, vielleicht auch wieder eine Verschärfung des Jugendschutzgesetzes. Die wirklichen Ursachen der Tat sind nicht ohne weiteres zu verstehen oder gar zu lösen. Doch das ist schwierig zu vermitteln. Verbote hingegen nicht. Aber wie gesagt:

Alles wie gehabt.

Permalink 6 Kommentare

Woher kommt dieser Hass?

20. Dezember 2008 at 18:29 (Politik, Videogames) (, , , , )

Und wieder einmal frage ich mich, woher der Hass stammt, den einige Leute Videospielen entgegenbringen. Haben sie geliebte Menschen durch Videospiele verloren oder andere schwere Schicksalsschläge erlebt, die im Zusammenhang damit stehen? Ihre Einstellung gegenüber Videospielen ist nämlich so emotional und so wenig vernunftgeprägt, dass eigentlich auch etwas wie ein prägendes Erlebnis stattgefunden haben muss.
Nun, wie komme ich zu diesem Schluß?

Die Initialzündung war eine neue Initiative gegen Videospiele namens „Wie kommt der Krieg in die Köpfe – und in die Herzen?„. Dieser „Kölner Aufruf gegen Computergewalt“ ist insofern interessant, dass er eben aus Köln stammt und im Schatten der kommenden „Games dot com“ wohl dagegen wettern soll. Normalerweise ist man solche Initiativen eher von unseren bayuvarischen Mitbürgern. Weniger überraschen ist da schon die Zahl der Unterstützer, weil sich dort so illustre Namen wie Werner H. Hopf, Christian Pfeiffer und das Kriminologische Institut Niedersachsen, Regine Pfeiffer, Manfred Spitzer, Rudolf H. Weiss und viele andere finden. Dies sind nicht nur die härtesten Kritiker von Videospielen in Deutschland, sie stellen ferner auch einen sehr rigiden Zitationszirkel, da sie in ihren Arbeiten nur auf ihre Werke verweisen, um ihre Theorien zu stützen. Vom Rest der Fachwelt werden sie entweder völlig ignoriert, oder aber als Beispiel für unsachliche, persönlich beleidigende oder grob falsche Werke und Thesen genannt. Beispiele wären etwa das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachen und Dr. Christian Pfeiffer, das etwa durch differenzierte Berichterstattung wie den Artikel „Ein schlechtes Buch und ein massiver Plagiatsvorwurf“ auffällt. Das ist der tatsächliche Titel, den das Institut der Untersuchung gegeben hat, mal den gerechtfertigten Plagiatsvorwurf außen vor. Das KFN führt seit längeren einen regelrechten Krieg gegen Institute und Wissenschaftler, die ihren Forschungen widersprechen und schreckt auch nicht vor Diffamierungen zurück. Dass es anstatt einmal wissenschaftlich ernstzunehmend arbeitet auf solche formalen Dinge zurückgreifen muss, ist bedauerlich
Wobei der Titel „Landminen für die Seele“ auch „entliehen“ wurde, nämlich von einer anderen, ebenso eher durch Emotionalität, denn durch Fachkenntnis glänzenden Aktion, die man hier finden kann.
Weiter zu erwähnen wäre etwa noch Weiß, der Theorien wie die folgende aufstellt:

„Die Bereitschaft, eigene Interessen auch durch Anwendung von körperlicher Gewalt durchzusetzen, steigt im gleichen Umfang wie der Gewaltmedienkonsum an. Emotionale Abstumpfung, Gefühllosigkeit, herabgesetzte Hemmschwelle gegenüber Gewaltanwendung, verminderte Affektkontrolle und fehlende Kritikfähigkeit machen solche Jugendliche anfällig für geistlose politische Parolen und Propaganda. Wegen ihrer leichten Manipulierbarkeit können sie auch zu Gewalttaten instrumentalisiert werden. […] Bei Jugendlichen ist nicht nur die fehlende Lehrstelle oder die Arbeitslosigkeit als alleinige Ursachenerklärung für die Zunahme rechtsextremistischer Ausschreitungen oder Gewalttaten heranzuziehen, sondern mindestens im gleichen Ausmaße auch das mediale Gewaltangebot.“ (Weiß, Rudolf : Gewalt, Medien und Aggressivität bei Schülern. S. 22.)

Oder Manfred Spitzer… als im Juli 2006 ein 19-jähriger einen Obdachlosen ermordete, gab er später als Grund für seine Tat an, durch das Wrestling-Videospiel SmackDown vs. Raw 2006 beeinflusst worden zu sein. Der arbeitslose Jugendliche aus zerrütteten Familienverhältnissen und mit nationalsozialistischer Gesinnung war Alkoholiker und hatte während des Spielens genug Alkohol konsumiert, um vor dem Mord bereits durch Vandalismus in eine Polizeikontrolle zu geraten, wo 1,73 Promille bei ihm festgestellt wurden. Bei der Verhandlung erklärte der Jugendliche, dass er unter Alkoholeinfluss die Kontrolle verlieren und aggressiv werden würde. Ungeachtet dessen behauptete Manfred SPITZER, der für das Verfahren als medizinischer Gutachter hinzugezogen wurde, dass das Spiel ein wesentlicher und auch strafmildernder Faktor wäre. (Vgl. Todt, Jens: Mord nach Gewaltspiel, online im Internet, 07.12.06 [zugegriffen am 03.03.07].; vgl. Jüttner, Julia: 19-Jähriger gesteht Tötung eines Obdachlosen, online im Internet, 07.12.06 [zugegriffen am 05.03.07].)

Und Familie Pfeiffer? Nach Dr. Christian Pfeiffers aktuelleren Thesen zum Thema Videospiele forderte er, den Jugendlichen die Möglichkeit zum Spielen zu nehmen, indem man Jugendliche in Ganztagsschulen unterbringt und ihnen so keine Gelegenheit gibt durch dieses Medium beeinflusst zu werden. (Vgl. Patalong, Frank: Gesetze gegen Medienkonsum von Jugendlichen?, online im Internet, 11.03.06 [zugegriffen am 03.03.07].) Bei einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen wurden von Februar bis April 2005 bundesweit in elf Städten und Landkreisen 6000 Schüler aus vierten und 17.000 aus neunten Klassen per Fragebogen nach ihren Gewalterfahrungen und ihrem Medienkonsum befragt und die Leistungsunterschiede zwischen Mädchen und Jungen festgestellt. Die Gruppe, in der am meisten Videospiele gespielt werden, ist zugleich die Gruppe mit den schlechtesten Schulergebnissen und der höchsten Akzeptanz von realer Gewalt. Dass diese Gruppe zugleich sämtliche Kriterien erfüllt, die Pfeiffer in seiner Studie von 1999 als maßgebliche Faktoren für Jugendgewalt nennt, wird aber ignoriert und die Videospiele zur bestimmenden Komponente erhoben. (Vgl. Mielke, Michael: Machokultur als Leitbild, online im Internet, 18.07.06 [zugegriffen am 06.03.07].) Insgesamt lässt sich sagen, dass die Studie nur zu bekannten Ergebnissen das Element Videospiele hinzufügt und unter Ignoranz aller bisherigen Studienergebnisse, dieses Element zum verursachenden erhebt. Pfeiffer fasste zusammen: „Je brutaler die Spiele sind und je häufiger man sie spielt, desto schlechter sind die Noten“ und je „mehr man Ego-Shooter spielt, desto höher ist die eigene Gewaltbereitschaft.“ (Vgl. Keine Angabe: Niedersachsen beauftragt Kriminologen mit Überprüfung von Altersfreigaben für PC-Spiele, online im Internet, 18.09.2006 [zugegriffen am 06.03.07].) Bereits ab fünf Stunden Medienkonsum pro Tag spricht PFEIFFER von einem „kranken Leben“ (Ebd.; vgl. Patalong, Frank: Gesetze gegen Medienkonsum von Jugendlichen?. online im Internet, 11.03.06 [zugegriffen am 03.03.07].); aber auch die ganze Gesellschaft, die ein sogenanntes „Killerspiel“ für den Markt frei gibt, sei „krank. Zutiefst krank.“ (Peschke, Andre: Nach Emsdetten – Interview mit Christian Pfeiffer, online im Internet, 23.11.6 [zugegriffen am 06.03.07].) Für Pfeiffer gilt: „Wer Ego-Shooter und Kampfspiele spiele, bei dem erhöhe sich die Gewaltbereitschaft enorm.“ (Keine Angabe: Niedersachsens Kultusminister fordert Verbot von „Killerspielen“, online im Internet, 16.03.06 [zugegriffen am 06.03.07].) Dies führt für ihn so weit, dass Computerspiele laut Pfeiffer „ein notwendiger Faktor für den Amoklauf“ (Peschke, Andre: Nach Emsdetten – Interview mit Christian Pfeiffer) sind, auch wenn er einschränkt, dass diese ihre Wirkung nur voll entfalten könnten, wenn weitere Faktoren hinzu kämen. (Vgl. ebd.)
Seine Schwester Regine Pfeiffer, ist eine pensionierte Lehrerin und laut Eigenaussage „Fachfrau für Computerspiele“, jedoch ohne Videospiele selbst zu spielen. Wie auch ihr Bruder, hält sie Vorträge über die Gefährlichkeit von Videospielen und belegt diese unwissenschaftlich, aus dem Zusammenhang gerissen und mit Einzelfallbeispielen. (Vgl. Lott, Gunnar: Viel Feind, viel Ehr‘, online im Internet, 06.12.07 [zugegriffen am 08.12.07].)

Nachdem man nun einen Einblick hat, wer hinter dieser Aktion steckt, kann man sich ja mal den Inhalten der Kampagne widmen, die in vielen Teilen einfach nur hasserfüllt, irrational und beleidigend ist. Dabei fällt auf, dass die eigene Position öfters als „die Wahrheit“ bezeichnet wird, ohne Belege zu nennen. Nehmen wir erstmal die rhetorischen Feinheiten des Textes unter die Lupe:

Längst ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass Mediengewalt und vor allem Killerspiele verheerende Wirkungen insbesondere auf Kinder und Jugendliche haben. Ebenso ist im Alltag von Eltern, Lehrerinnen und Lehrern, Erzieherinnen und Erziehern längst unübersehbar, dass Kinder und Jugendliche durch Computerspiele aggressiver, gewalttätiger und abgestumpfter werden. Belegt ist: Je brutaler die Spiele sind und je mehr Zeit die Kinder damit vergeuden, desto schlechter sind die Schulleistungen. (Hervorhebung durch mich)

Eigentlich ist das nach wie vor höchst umstritten und gilt nur im wissenschaftlich schwer haltbaren Kreis der Mediengewaltkritier (dessen deutsche Vertreter relativ deckungsgleich zum Unterzeichnerzirkel sind) als „belegt“. Zudem ist das recht billige Rhetorik, die den Leser von der Rechtschaffenheit und Validität des vorgetragenen überzeugen soll.

Der «Spielraum» unserer Kinder und Jugendlichen

Diese Spiele sind somit massive Angriffe auf Menschenrechte, Völkerrecht und Grundgesetz. Warum also wird hiergegen nichts unternommen?

Und wieder ein direktes Ansprechen des Lesers, um ihn persönlich betroffen zu machen. Beim zweiten Zitat sogar mit rhetorischer Frage, dass es sich tatsächlich um solche Rechtsbrüche handeln würde, was allerdings nicht korrekt ist. Hier wird die Empörung und der Hass der Autor wieder einmal deutlich, die ihre subjektive Sicht der Dinge gerne mit Fakten gleichstellen wollen.

Persönlich beleidigend wird man dann wieder bei den Herstellern, Verkäufern und weniger aggressiven Spieleforschern, garniert mit ein paar Behauptungen.

Mit Nebelbegriffen wie «Medienkompetenz» und «Rahmungskompetenz» wird pseudo-wissenschaftlich suggeriert, dass Kinder und Jugendliche mit Killerspielen sinnvoll «umgehen» könnten, ohne seelischen und körperlichen Schaden zu nehmen. Die Spiele sind aber gerade so angelegt, dass dies nicht möglich ist.

Die Kritik stimmt insofern, dass „Medienkompetenz“ ein recht willkürlicher Begriff ist, der für alle möglichen Dinge verwandt wird. Das man den Umgang mit Medien jedoch nicht lernen kann, dass man sogenannte „Killerspiele“ auch ohne seelische und körperliche (sic!) Schäden konsumieren kann und dass Kinder und Jugendliche Spiele ohne Jugendfreigabe eigentlich gar nicht erst erhalten sollten, darauf wird nicht eingegangen. Und dass sogenannte „Killerspiele“ eine „fixe“ und „objektiv gleiche“ Wirkung, unabhängig von Rezipienten haben, wäre das Stimulus-Response-Modell, das spätestens seit dem zweiten Weltkrieg in der Forschung als überholt und nicht mehr anwendbar gilt.

Kritik an Computerspielen wird als «unwissenschaftlich» diffamiert. Tatsächlich gibt es aber keinen sogenannten «Wissenschaftsstreit»: Über 3500 empirische Untersuchungen belegen den Zusammenhang zwischen dem Konsum von Mediengewalt und gesteigerter Aggressivität.

Ab hier verabschiedet sich das Schreiben von jeder Form wissenschaftlicher Ernsthaftigkeit. Kritik an Videospielen gibt es zuhauf, doch gibt es auch wissenschaftler, die diese fundiert und sachlich vortragen, was den Unterzeichnern bisher in ihren Veröffentlichungen nicht gelungen ist. Die Verleugnung von wissenschaftlichem Diskurs, hier als „Wissenschaftsstreit“ bezeichnet, ist entweder durch Ignoranz, Unwissenheit oder Beleidigtsein erklärbar, letzteres vor allem dadurch, da die Werke der Unterzeichner aufgrund offensichtlicher Fehler und einer untragbaren Form nicht Teil des Diskurses sind. Die Zahl von 3500 Studien ist zudem unbelegt, wobei anzumerken gilt, dass die Quantität der Studien nichts über die Qualität aussagen. Und die Zahl der Studien, die keinen Zusammenhang zwischen Medienkonsum und Gewalt aufzeigen, wird nicht genannt, um gar nicht erst eine Vergleichbarkeit aufkommen zu lassen.

An den Rand der Unterstellung und Beleidigung und eigentlich darüber hinaus geht dann schon der nächste Absatz.

Wissenschaftler, die dies leugnen, machen sich zu Komplizen und sind Profiteure des militärisch-industriell-medialen Komplexes, denn deren Institute erhalten umfangreiche finanzielle Unterstützung der Games-­Industrie. Die Hochschulen bekommen kaum mehr staatliche Gelder und werden so immer mehr zum Dienstleister der Industrie. So wird wissenschaftliche Korruption und Abhängigkeit von Wirtschaft und Militär geradezu provoziert.

Merke: Wer nicht der Meinung der Mediengewaltgegner ist, der ist von der Industrie gekauft, was gleich mit den suggestiven Bezeichnungen des „Komplizen“ und des „Profiteurs“ einhergeht. Das die finanzielle Förderung von Hochschulen und Studien durch Firmen nichts Außergewöhnliches, sondern Usus ist, wird dabei verkannt. Dass die Studien der Mediengewaltgegner meist von Staatsgeldern bezahlt und von konservativen Politikern in Auftrag gegeben werden, die gerne „Belege“ für Reden gegen neuartige Medien haben wollen, um entschlossener auftreten zu können und sich bei ebenso konservativen und fachfremden Wähöern einzuschmeicheln, wird erstaunlicherweise verschwiegen.

Auch die Politik macht sich zum Handlanger dieser Interessen: Derzeit laufen Beschlussanträge im Bundestag, die Computerspiele zum «Kulturgut» erklären wollen. Gelten Gewaltspiele als «Kunst», kann damit aber der Jugendschutz ausgehebelt werden.

Neben den schön suggestiven Wörtern „Handlanger“ und „Gewaltspiel“ wird hier wieder einem Medium der Kunstaspekt grundlegend aberkannt, weil dieses Medium einzelne Spiele hervorgebracht hat, die dem subjektiven Moralempfinden der Mediengewaltgegner zuwider sind. Nach der gleichen Argumentation könnte man Theater, Bücher, Filme oder jedem anderen Medium den Kunstaspekt aberkennen. Jedoch handelt es sich bei diesem zumeist um etablierte Kulturgüter (naja, mit Ausnahme des Films vielleicht), die oftmals auch vor Gewalt nur so strotzen.

Die staatliche «Bundeszentrale für politische Bildung» beteiligt sich zudem seit Jahren an der Verharmlosung von Gewaltspielen. Hier veröffentlichen nahezu ausschliesslich solche «Medienpädagogen», die der Games-Industrie nahestehen und deren Schriften offen für Gewaltspiele werben. So finanzieren die Bürger mit ihren Steuergeldern ihre eigene Desinformation.

Erstaunlich, dass hier nur gegen die BpB gewettert wird und nicht direkt auch wie sonst üblich gegen die FSK und USK. Es ist soweit korrekt, dass die BpB weitestgehend positiv, wenn auch nicht einseitig, über Videospiele berichtet. Dies geschieht jedoch wissenschaftlich fundiert, ergo ignoriert sie die Mediengewaltgegner durchgängig. Wie oben bereits erwähnt, finanziert der Steuerzahler die wissenschaftlich fragwürdigen Studien von Pfeiffer, Weiß und Spitzer ebenso.

Killerspiele entstammen den professionellen Trainingsprogrammen der US-Armee

Nein. Es gab zwar „Marine Doom“ und nachwie vor „Americas Army“, doch werden Videospiele vielmehr zum Einüben von Gruppentaktiken, zum Erlernen von Drohnensteuerungen oder dem Erstellen von Gefechtskarten genutzt. Egoshooter können als Training für Anfänger hilfreich sein, aber niemals das Schießen mit scharfer Munition ersetzen. Computersimulationen sind jedoch weit kostengünstiger als reale Übungen, bei denen es zudem häufig zu Verletzungen kommt. (Vgl. Heuser, René: Krieg spielen; in: GameStar 04/2008. IDG Entertainment Media GmbH: München 2008. S. 132 – 135.) (Addendum: Diesen Abschnitt könnte man so missverstehen, dass man mit Egoshootern tatsächlich das Schießen lernen könnte. Dies ist jedoch falsch und kann von niemandem behauptet werden, der beides einmal ausprobiert hat. Die Shooter und auch andere Spiele werden vom Militär nicht für das Töten, sondern vielmehr für das Training von taktischen Situationen genutzt. (Stahl, Roger (2006): „Have You Played the War on Terror?“, in: Critical Studies in Media Communication; H. 23(2), S.112-130, S.117.)

Die Geisteshaltung der Mediengewaltgegner wird im Fazit besonders deutlich:

Verantwortlich sind also nicht Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, denen die Bewältigung der Folgen immer zugeschoben wird. Verantwortlich sind Hersteller und Kriegsindustrie; die inflationäre Verbreitung der Spiele ist ­politisch gewollt und wird von «Wissenschaft» und Medien bereitwillig vorangetrieben.

Die Erziehungsberechtigten werden also aus der Verantwortung genommen. Vielmehr soll anstelle der Freiheit zu entscheiden, was man selber und seine Schutzbefohlenen konsumieren dürfen, lieber direkt ein generelles Verbot her, das von einer kleinen, konservativen, aber leider sehr lautstarken Minderheit etabliert werden soll. Die Annahme, dass die Kriegsindustrie, die in einem Atemzug mit den Herstellern von Videospielen genannt wird, erscheint absurd und paranoid. Im Text wird auch auf den „militärisch-industriell-medialen Komplex“ verwiesen, der den Eindruck erwecken lässt, man hätte es mit einer Gruppe von Verschwörungsfanatikern zu tun.

Über die Aktion berichtet übrigens auch, ähnlich tendenziell, die „Presse„.

Das die Mediengewaltgegner der Aktion nicht mal an einem Diskurs interessiert sind, den es ihrer Meinung nach ja auch nicht gibt, zeigt etwa ihr persönliches Treffen im November 2008 in München. Dort wurden nur Menschen mit klar definierten Meinungen zum Thema geladen, etwaige Verteidigungen von Vertretern der Spieleindustrie oder differenzierte Wissenschaftler waren nicht erwünscht. Auf diesem Treffen konnte auch Regine Pfeiffer stellvertretend für die ganze Gruppe von Wissenschaftlern auf den Punkt bringen, auf welchem Niveau sie gerne diskutierten: „EA, diese Schweinefirma!“

Die ganze Aktion ist von unbegründetem Hass, Ignoranz und konservativem Gedankengut getrieben und… zynisch. Die Diskussion findet in einem Land statt, dass der zweit- bis drittgrößte Rüstungsexporteur weltweit ist und sich auch nicht scheut, Waffen in Krisengebiete zu schicken. So hat man etwa die Tage beschlossen, Pakistan mit U-Booten zu versorgen.
In diesem Sinne bleibt nur zu hoffen, dass die ganze Aktion unbeachtet bleibt und keine weiteren Sympatisanten findet, die den Hass dieser wenigen „Fachleute“ weiter trägt. Videospiele sind nämlich eigentlich ein schönes Hobby.

Permalink 2 Kommentare

Die lustige Welt der CSU (II)

16. September 2008 at 14:38 (Politik, Videogames) (, , , , , , , , )

Erstmal etwas zu Becksteins grandioser Kampagne Pro-Alkohol am Steuer (ich berichtete). Dazu gab es dezent eins auf die Mütze, wie der Bayerische Rundfunk zusammenfasst:

„Ich frage mich, was ihn da geritten hat“, sagte Harald Schneider, Landeschef der Gewerkschaft der Polizei (GdP). „Vermutlich hatte er gerade zwei Mass Bier getrunken, als er das gesagt hat“. Es seien Menschenleben in Gefahr, wenn jemand nach dem Genuss von zwei Mass Bier Auto fahre. Mit seiner Äußerung mache Beckstein die Arbeit der Polizei zunichte. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing, befand: „Beckstein hat wohl einen über den Durst getrunken.“ In bestimmten Situationen müsse man auf Alkohol verzichten, und dazu gehörten der Straßenverkehr und die Schwangerschaft.

SPD-Spitzenkandidat Franz Maget riet Beckstein „dringend davon ab, das so unters Volk zu bringen“. Auch er habe nichts dagegen, auf einem Volksfest eine Mass Bier oder auch eine zweite zu trinken, aber dann müsse das Auto „definitiv stehen bleiben“. Auch der ADAC hält Becksteins Ansicht für „Unsinn“. Man könne sich auf keinen Fall „an die Promillegrenze rantrinken“, sagte ADAC-Sprecherin Maxi Hartung. „Fahrtüchtig“ sei man höchstens noch nach einem kleinen Bier oder einem Glas Wein zum Essen, keinesfalls aber nach zwei Maß. Beckstein solle „die Menschen nicht dazu auffordern, Alkohol zu trinken und dann noch Auto zu fahren“, warnte Hartung.

Tja, so ein Medienecho sollte es mal geben, wenn die CSU wieder mit der Verbotskeule gegen Videospiele ausholt. Aber Alkohol hat nun mal einen anderen Stellenwert als digitale Unterhaltung. Für die CSU ist das erste eben Kulturgut und das andere Teufelswerk. Warum auch immer.

Erleuchtung in dieses Thema hätte ja das Interview bringen können, dass die PC Games mit Joachim Herrmann, dem Innenminister Bayerns geführt hat. Die Fragen sind ja okay, nur leider hat man nicht nachgehagt. Sonderlich überzeugend ist der Standpunkt des blauweißen Politikers nämlich nicht. Schauen wir uns das Interview doch mal an, das Original gibt es hier zu sehen. Picken wir uns mal ein paar Rosinen heraus:

Herrmann: Ich fordere nicht nur ein Herstellungs-, sondern auch ein Verbreitungsverbot virtueller Killerspiele. Deshalb ist die Frage, wo Killerspiele produziert werden, unerheblich.

Versteh ich nicht. Weil er fordert, dass bestimmte Videospiele auch im Ausland nicht mehr gehandelt werden sollen (was juristisch nicht möglich ist), ist die die Frage, wo diese Videospiele hergestellt werden (Verbotsforderungen ans Ausland sind ebenso nicht möglich), nicht relevant? Das ergibt für mich keinen Sinn und ist bereits in seinem Grundgedanken absurd. Aber darüber zu diskutieren ist ja müßig.

PC Games: Bei Ihrer Pressekonferenz am vergangenen Montag haben Sie die Wirkung von brutalen Computerspielen mit Kinderpornographie verglichen und wortwörtlich davon gesprochen, dass „Dinge, die virtuell am PC umgesetzt werden, irgendwann auch in der Realität umgesetzt werden.“ Womit begründen Sie diese These? Können Sie verstehen, wenn sich viele Millionen Erwachsener durch eine solche Aussage kriminalisiert und dadurch verletzt fühlen?

Herrmann: Niemand behauptet, dass Killerspiele monokausal für Gewalttaten wie z.B. Amokläufe oder andere Straftaten verantwortlich sind. Es gibt aber über die gefährliche Wirkung von Killerspielen, gerade auf labile Charaktere, in der Wissenschaft keine ernsthaften Zweifel. Die Amokläufe von Erfurt oder von Emsdetten wurden von Tätern begangen, die intensiv Killerspiele gespielt haben. Nach der übereinstimmenden Erkenntnis amerikanischer und deutscher Wissenschaftler löst dies bei labilen Persönlichkeiten Desensibilisierungsprozesse aus und schränkt die Empathiefähigkeit weit stärker ein als das passive Betrachten eines entsprechend brutalen Films.

Keine ernsthaften Zweifel der Wissenschaft? Übereinstimmende Erkenntnisse amerikanischer und deutscher Wissenschaftler? Desensibilisierungsprozesse? Eine sehr selektive Auswahl der Forschungsliteratur würde ich behaupten. Aber das kennt man so ja bereits auch schon. Desensibilisierung wäre übrigens die Habilitierungsthese, die genausowenig verifiziert wie falsifiziert ist. Und selbst wenn sie verifiziert wäre, würde das nur bedeuten, dass Menschen die Gewalt in Videospielen erleben, gegenüber Videospielgewalt weniger empfindlich wären. Die Transferleistung der Abstumpfung von virtueller zu realer Gewalt ist eher fragwürdig. Aber das beste kommt mit:

Herrmann:Ich glaube nicht, dass Menschen, die auf ihren Computern aktiv reihenweise Leute umbringen, die am Boden liegende angeschossene Opfern „regelrecht hinrichten“, so dass das Blut spritzt – dass diese Menschen sich durch meine Worte verletzt fühlen können. Wenn sie virtuelle Grausamkeiten verüben, müssen sie schon auch meine Argumente aushalten.

Was für Argumente? Naja, außer das Herrmann hier beinahe schon direkt Videospieler die violente Medien nutzen zu einer Art Menschen zweiter Klasse degradiert, nein, sie müssen sich auch noch seine Beschimpfungen gefallen lassen. Schließlich tun sie so abartige Spiele spielen tun. Anstatt sich wie anständige Menschen beim Oktoberfest zu betrinken. Denn das ist Kultur.

Herrmann: Ich habe keinen Grund, an der Seriosität und Glaubwürdigkeit des Kriminologischen Instituts Niedersachsen zu zweifeln und erkenne keinen Zusammenhang zwischen der von Prof. Pfeiffer erhobenen Forderung nach einem Verbot von Killerspielen und einer staatlichen Unterstützung des Instituts. Prof. Pfeiffer war Justizminister der früheren SPD-Regierung von Niedersachsen; eine politische Abhängigkeit zur jetzigen CDU-Regierung besteht ja wohl kaum. Eher sehe ich finanzielle Abhängigkeiten von der Computerspielindustrie bei manchen Forschern, die einseitig die Wirkung von problematischen Computerspielen verharmlosen.

Herrlich. Wenn konservative Politiker Pfeiffer und dem KFN Steuergelder zuschieben, damit diese Studien erfinden, die dann den Politikern als Wahlkampfmittel dienen, dann ist das legitim. Wenn andererseits Videospielfirmen Forschern Gelder geben, damit diese über Videospiele forschen, dann ist das Beeinflussung.

PC Games: Das deutsche Jugendschutzgesetz inklusive FSK- und USK-Prüfungen und Indizierungen gilt als das strengste und schärfste in ganz Europa. Spiele, die in Garmisch-Partenkirchen oder München indiziert oder verboten sind, können in Salzburg oder Basel selbst von Jugendlichen legal erworben werden. Gleiches gilt für die Frankreich oder die Niederlande. Sie hingegen fordern ein Verbot für diese Spiele. Sind deutsche und insbesondere bayerische Staatsbürger gefährdeter als die Bewohner unserer Nachbarländer?

Herrmann: Das deutsche Jugendschutzgesetz hilft nicht, wenn Spiele, die erst ab 18 Jahren freigegeben werden, in die Hände von Kindern gelangen, was nachgewiesen sehr häufig der Fall ist. In den von Prof. Pfeiffer aufgezeigten Beispielen wie beim Spiel „Grand Theft Auto IV“ oder „Der Pate – Don Edition“ hätte eine Indizierung anstelle einer Freigabe ab 18 durch die USK stattfinden müssen, was nicht der Fall war. Ihre Behauptung, diese Prüfungen seien die schärfsten in Europa, ist deshalb falsch.

Versteh ich wieder nicht. Das ist einfach nicht logisch. Weil durch das Jugendschutzsystem in Deutschland Titel mit einer Altersfreigabe versehen werden, diese dann aber nach dem Kauf durch berechtigte Jugendliche an Minderjährige effektiv umgangen werden, ist die Prüfung an sich nicht mehr die schärfste in Europa? Was hat die nicht gewollte Weitergabe von Videospielen unter Jugendlichen denn mit der Prüfung zu tun, die stattfindet, bevor das Spiel in den Handel kommt? Und wieso werden die massiven Zensuren, die Videospiele trotz der Freigabe nur an Erwachsene (die damit keine Jugendschutzmaßnahme mehr sind, sondern tatsächlich verfassungsferne Zensur) treffen, dadurch nicht mehr so streng? Die Prüfung die kritisiert wird, findet immer VOR der Veröffentlichung des Spiels statt (und ist damit effektiv Zensur). Also die die Behauptung, dass die dt. Jugendschutzgesetze nicht die schärfsten Europas seien, nicht begründet, da nachweislich falsch. Aber das der gute Herr Innenminister eh didaktisch eher unterdurchschnittlich begabt ist, sieht man ja an folgendem Dialog:

PC Games: In einem Interview mit der ZEIT beklagen Sie, dass 18jährige Computerspiele an „17-, 16-, 15jährige“ weitergeben. Fordern Sie demzufolge auch ein Herstellungs- und Vertriebsverbot für Alkohol und Tabakwaren?

Herrmann: Nein.

Ich hatte ja zuerst tatsächlich gelacht, als ich das gelesen habe. Nach der Logik der CSU-Politiker (Herrmann steht ja nicht alleine da), wäre es aber nur kosequent, wenn dies auch gefordert werden würde. Schließlich sind auch Spirituosen und Tabakwaren erst für Erwachsene freigegeben und werden jeden Tag durch Kinder und Jugendliche konsumiert. Aber vielleicht sind Gesetzesbrüche in diesen Bereichen ja okay, da es sich hierbei um etablierte Kulturgüter handelt. Im Gegensatz zu teuflischen Killerspielen. Vielleicht ist es auch nur ein Armutszeugnis für diese meiner Meinung nach sowieso argument- und verfassungsferne Partei. Das die PC Games dabei aber nicht nachgehakt hat, um die Scheinheiligkeit und offensichtlich unfundierte Stimmungsmache Hermanns und der CSU direkt zu hinterfragen ist allerdings kritikwürdig. Vielleicht wurde auch einfach nicht durch Herrmanns auf weitere Nachfragen eingegangen oder sie wurden nicht für das Interview freigegeben. Schade, wäre eine sehr zitierwürdige Stelle gewesen.

PC Games: Eine signifikante Zunahme von Jugendgewalt ist laut der Polizeiberichte der vergangenen Jahre nicht zu beobachten, gerade in Bayern. Woher stammt Ihr Bild der „immer gewalttätigeren Jugend“?

Herrmann: Ihre Aussage ist falsch. Die Zahl der Straftaten hat im Jahr 2007 in Bayern insgesamt abgenommen. Der Anteil von Kindern und Jugendlichen als Täter aber auch als Opfer ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen und stagniert erst seit kurzem. Dies ist für mich schon ein deutliches Alarmsignal. Die Bereitschaft von Kindern und Jugendlichen, ihre Konflikte untereinander mit Gewalt auszutragen, scheint sich also erhöht zu haben. Ich behaupte jedoch, dass virtuelle Vorbilder wie Killerspiele einen Anteil an diesem Phänomen haben, zumindest dann, wenn bei den Tätern sonstige stabilisierende Faktoren fehlen.

Faszinierend argumentiert, mal wieder! Zunächst zu behaupten, dass die Aussage der PC Games falsch sei, dann aber einzulenken, dass dies doch für die letzten Jahre stimmen würde. Heißt das dann, dass die ja „immer gewalttätiger werdenden Spiele“ seit kurzem dafür sorgen, dass das Maß an Gewalt stagniert? Oder liegen die relevanten Faktoren für Jugendgewalt vielleicht gar nicht bei Videospielen, sondern bei Jugendarmut, einen unterfinanzierten Bildungssystem und einer konstanten Streichung von Streetworker-Stellen und Jugendeinrichtungen? Naja, selbst wenn… das sind alles Dinge, für welche die Unionsländer seit vielen Jahren stehen. Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie gerade Unionspolitiker es schaffen, hausgemachte Probleme als gesellschaftliche zu präsentieren und sich dann durch die Forderungen nach härten Strafen und Gesetzen selbst zu profilieren und auf Stimmenfang zu gehen.

Herrmann: Gewaltverharmlosende und gewaltverherrlichende Darstellungen in Filmen sind nach Paragraf 131 Strafgesetzbuch bereits verboten. Dieser Straftatbestand ist aber nicht auf Computerspiele zugeschnitten und muss entsprechend geändert werden. Killerspiele unterscheiden sich von anderen Darstellungen darin, dass der Spieler aktiv ins Geschehen eingreift. Dadurch steigt bei labilen Persönlichkeiten die Gefahr, dass sie sich mit dem Spielinhalt so identifizieren, dass sie solche Erlebnisse auch in die reale Welt tragen.

Und wieder verstehe ich den Herrn Innenminister nicht. Er stellt fest, dass gewaltverherrlichende Medien bereits per Gesetz verboten sind. Wieso er Videospiele allerdings nicht dazu zählt, ist mir schleierhaft. Anhand des zitierten Gesetzes wurden auch bereits Videospiele beschlagnahmt, es funktioniert also sehr wohl (ob es gerechtfertigt ist, sei mal an dieser Stelle ausgelassen). Und das die Transferleistung von der virtuellen Welt in die reale stattfindet, ist bisher einfach weder bewiesen noch widerlegt, also eine Behauptung, bzw. Theorie. Keine gute Grundlage für eine Gesetzesänderung, wie die Union auch bisher bei einigen Gesetzesinitiativen für härtere Jugendschutzbestimmungen theoretisch mitbekommen hätte müssen.

Fazit? Mehr vom bekannten. Unfundierte, einseitige und argumentresistente Äußerungen von einem Unionspolitiker zu Videospielen. Egal wie oft man Behauptungen oder falsche Grundlagen wiederholt, richtig oder akzeptabel werden sie dadurch nicht. Das die CSU wieder mal im Wahlkampf steckt und völlig zu Recht Angst hat, ihre unangefortene Vormachtststellung im bayuvarischen Ländle zu verlieren, werden eben wieder die alten Kamelle von Killerspielen, Pendlerpauschale und dergleiche rausgekramt, um mit etwas preiswertem Populismus aus der Archivkiste ein paar konservative Stimmen von Altwählern zu ködern. Doch selbst den Stammwählern der CSU muss inzwischen aufgegangen sein, dass eine derart rückwärtsgerichtete Partei keine Investition in die Zukunft darstellt. Hoffen wir also, dass die CSU bei der nächsten Wahl ordentlich Stimmen verlieren muss. Und sei es durch die „Ich wähle keine Spielekiller„-Aktion. Vielleicht wird dann klar, dass Videospielen in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, Kunst darstellen kann und das Videospieler auch Wähler sind.

Permalink 6 Kommentare

Heil Perry Rhodan!

3. September 2008 at 19:28 (Politik, Rollenspiel, Sehen) (, , )

Ein kurzes, aber meiner Meinung nach notweniges Intermezzo. Heute bei Kill More People gefunden, ein sehr erhellender Bericht über Perry Rhodan, oder eben Perri Rohdann und seinen faschistoiden Führerkult für mental rückständige Deutsche. Übrigens anders als die Amerikaner, die Supermann bereits durch „bessere Sci-Fi“ ersetzt haben.

Okay, der Bericht ist von 1969 (Edit: und vom DDR-Fernsehen, genauer dem Schwarzen Kanal, also übliche Propaganda…. denkt mal darüber nach… gerade was die Parallelen der Hetze angeht…). Aber schaltet mal heute einen Bericht der „Polit-Magazine“ zu Videospielen ein. Das Konzept ist das gleiche, nur dass das ZDF heute mehr Farben hat und in Interviews ein Stativ verwendet. Betonierte Haare, falsch ausgesprochene Namen, wirre Behauptungen, ernannte Fachleute ohne Ahnung, aber mit ganz viel Sorge um die deutsche Gesellschaft und vor allem Jugend sowie Jugendliche ohne Konzept und scheinbar unter Drogeneinfluss (oder redete man damals so?). Ganz groß ist eigentlich, wie alle Fragen bereits durch die Fans und Autoren beantwortet werden, der Sprecher aber zwischen den Interviews einfach irgendwelche Dinge behauptet, die vorher falsifiziert wurden. Heutige Sendungen zu Videospielen geben sich nicht diese Blöße. Da wird einfach ohne Gegenstimmte gelogen, oder die Gegenstimme entweder sinnentfremdend mit Voice-Over versehen oder im Nachhinein als Unfug bezeichnet, ohne das zu belegen.

Traurig. Aber naja, eigentlich mag ich ja diesen Retrotrash, der zeigt so schön, dass sich die Argumente der Medienkritiker und der mediale Kreuzzug gegen Neues nicht ändert, es sieht nur immer toller aus. Aber was soll es? Auch wenn die Leute bei weitem nicht so scheiße aussehen, wie Anfang der 90er in dem Bericht über gefährliche Musik.Noch zwanzig Jahre oder so, dann sind alle tot die das nicht verstehen und die Jugend hat dann ein neues Medium oder ein neues Mittel, in dem unsere Generation dann den Untergang unserer Kultur sehen kann. In diesem Sinne:

Heil Perri Rohdann!

Permalink 2 Kommentare

Politiker und Videospiele

28. April 2008 at 08:50 (Politik, Videogames) (, , , )

Ohne weiteren Kommentar:

Wir können nicht vorgehen wie Super-Mario, der Schreiner, der alle Hindernisse aus dem Weg räumt.“ – EU-Verbraucherschutzkommissarin Meglena Kuneva über die Rolle der EU-Kommission im Kampf gegen gewaltverherrlichende Videospiele (Quelle)

Und nebenbei bemerkt, hat der Bundestag der Novellierung des Jugendschutzgesetzes zugestimmt. Was das heißt, hatte ich schon einmal geschrieben. Aber der Text spricht, ebenso wie das obrige Zitat, eigentlich bereits für sich. Hier ein paar Punkte:

  • Auch das mit der Evaluation beauftragte Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg hätte die Notwendigkeit gesetzgeberischer Maßnahmen bestätigt.“ – Nein, hat es nicht. Sondern das Gegenteil.
  • Alterskennzeichnungen hingegen seien wenig hilfreich, da indizierte Spiele vielfach „unter dem Ladentisch“ gehandelt würden.“ – Ja, werden sie, da indiziert nicht verboten bedeutet, sondern, dass sie nicht öffentlich ausliegen dürfen. Der Verkauf unter der Ladentheke ist seit Einführung der Indizierung die Norm und durch das Gesetz gewünscht.
  • Nach Ansicht der Grünen sei eine bessere Sichtbarmachung der Altershinweise zwar „sinnvoll“, doch reichten die bisherigen Regelungen zur Indizierung von Gewaltspielen aus. Der vorgelegte Entwurf enthalte in diesem Bereich viele „unbestimmte Rechtsbegriffe“ und könne sich daher zu einer „Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Juristen“ entwickeln.“ – Nanu? Ein Aufruf zum rationalen Denken? Leider von einer Fraktion, die in der Opposition sitzt und nichts tun kann.

Es wird also noch mehr Einschränkungen und Repressalien gegenüber erwachsenen und jugendlichen Videospiel-Fans geben. Aber was soll man auch erwarten, wenn die meisten Politiker offensichtlich keine Ahnung von der Materie haben und mit weiteren Verbotsforderungen entschlossen gegen Probleme vorgehen wollen, die überhaupt nichts mit Videospielen zu tun haben?

Aber das ist ja nichts neues.

Permalink 1 Kommentar